Michael Kress
Michael Kress  

Aus meiner Werkstatt

In meinem Roman "Nicht für alle Zeit - Aufbruch" spielt Eleonore die weibliche Hauptfigur. Der nachfolgende Prolog wurde bisher nicht veröffentlicht und zeigt uns Eleonore wenige Jahre vor dem Roman. Sie ist Augenzeugin der letzten öffentlichen Hinrichtung in Württemberg.

 

 

Prolog Eleonore

 

Stuttgart, Juni 1845

 

Eleonore bereute, sich davongeschlichen zu haben. Mit ihrer linken Hand hielt sie das Kopftuch fest und achtete darauf, dass ihre Haare nicht hervorlugten. Wenn sie nur niemand erkannte. Undenkbar, wenn Vater und Mutter erfuhren, wo sie sich herumgetrieben hatte.

Dabei sah sie bei den Leuten, die aus den Gassen, den Straßen kamen, alle Bevölkerungsschichten vertreten. Handwerksburschen, Damen in feinen Kleidern, Männer in feinen Anzügen und sogar Kinder. Die ganze Stadt schien auf den Beinen. Da fiel sie mit ihren siebzehn Jahren nicht weiter auf.

Eleonore stockte, was die Nachfolgenden mit einem Knurren quittierten. An einer Hausecke stand ein Anwaltskollege ihres Vaters. Sie senkte den Kopf. Ein Herr mit Zylinder überholte sie. Eleonore passte sich seinem Tempo an und nutzte ihn als Deckung. Der Anwalt sprach mit einem anderen Mann, sah nicht auf und entdeckte sie nicht. Das war noch einmal gut gegangen.

Vor zwei Stunden war sie als Magd verkleidet aus dem Haus geschlichen. Maria, ihre Haushälterin, hatte da noch geschlafen. Hoffentlich würde die nicht ihr Verschwinden bemerken.

Ach was! Die Sorge war unbegründet. Maria hatte erst einmal im Haushalt jede Menge zu erledigen. Sobald die sie nicht vermissen, und bis dahin sollte alles vorbei sein.

Vorbei! Das Wort hallte in ihren Gedanken nach. Sie schauderte. Sie würde später wieder nach Hause gehen, sich hineinschleichen wie sie sich hinausgeschlichen hatte. Aber für die Attraktion des Morgens, für Christiane Ruthardt, würde es kein Später geben. Heute war der Tag ihrer Hinrichtung. Die einfache Bürgersfrau hatte ihren Mann vergiftet. Ein Jahr hatten sie ihr den Prozess gemacht, und immer wieder hatten Artikel in den Zeitungen gestanden. Sie alle zeichneten das Bild einer Frau voller Laster, einer berechnenden Person, die aus niederen Gründen gemordet habe.

Anfangs hatte Eleonore ebenfalls den Kopf geschüttelt, hatte die Mörderin verdammt. So etwas tat man nicht. Aber nach und nach, je mehr Hintergründe der Tat bekannt wurden, desto mehr  hatte sie Partei für Christiane Ruthardt ergriffen. Damit stand sie nahezu allein. Die öffentliche Meinung hatte schon lange vor dem Gericht ihr Urteil gefällt. Niemand zeigte Mitgefühl mit der Gattenmörderin. Im Gegenteil: Man ergötzte sich an immer wieder neuen Schauergeschichten über Frau Ruthardt. Sie habe wegen eines Liebhabers gemordet, dann hieß es wegen Geld.

Was musste passiert sein, damit eine Frau nur noch diesen Ausweg sah? Eleonore hatte oft darüber nachgedacht, hatte sogar zaghaft versucht, mit ihrem Vater darüber zu sprechen. Der war gar nicht darauf eingegangen. Das sei kein Thema für eine junge Dame.

Christiane Ruthardt hatte zunächst erwogen, sich scheiden zu lassen, war davon jedoch wieder abgekommen. Wie sollte sie einem Gericht die Zerrüttung ihrer Ehe nachweisen? Dass ihr Mann Schulden anhäufte, keiner regelmäßigen Arbeit nachging und nur noch seine teuren und ebenso nutzlosen Erfindungen im Kopf hatte, das gab keinen ausreichenden Grund. Einige Männer versoffen ihr Geld, andere wiederum schlugen ihre Frauen. Da müssten viele Ehen geschieden werden.

Am Ende hatte sie entschieden, ihren Mann zu vergiften. Ohne ihn würde sie besser durch die Welt kommen. Und sie würde sich um ihr Kind kümmern, wozu er nicht in der Lage war.

Eleonore fröstelte und ihr knurrte der Magen. Hätte sie doch nur ein Stück Brot aus der Küche mitgenommen. Und einen Schal. Sie zog ihren Umhang noch fester um ihren Oberkörper. Es war Tag geworden, aber die Sonne blitzte nur gelegentlich hinter den schmutziggrauen Regenwolken hervor.  

Der Strom an Menschen zog weiter hinaus aus der Stadt. So viele Menschen hatte Eleonore zuletzt bei der Jubiläumsfeier des Königs gesehen. Oder auf dem Jahrmarkt.

Die gepflasterte Straße endete und es ging in die Grünanlagen hinein. Die Feuerbacher Heide lag oberhalb der Stadt. Dort sollte die Hinrichtung stattfinden. Eleonore setzte sorgsam Schritt für Schritt. Schnell war die Wiese weichgetreten von den tausendfachen Tritten der Schaulustigen.

Die Hand eines Buben strich über ihr Kopftuch und Eleonore musste es festhalten. Der Junge saß auf den Schultern seines Vaters und grinste frech auf sie herab.

Die Menge geriet ins Stocken. Je näher sie dem Richtplatz kamen, desto mehr schwoll das Reden an. Ein wisperndes Meer an Leibern. Für viele war es ein Tagesausflug. Hie und da lachten Kinder. Die sollten nicht hier sein, dachte Eleonore.

Einige reckten ihre Köpfe und blickten nach vorne. Gab es dort schon etwas zu sehen?

Eleonore atmete tief ein.

Für sie war es die erste Hinrichtung.

Ein älterer Herr bahnte sich einen Weg durch die Menge. In den Händen hielt er einen Stoß Papiere.

„Das Leben der Giftmörderin, getreulich aufgeschrieben“, rief er mal nach links, mal nach rechts.

Hände griffen aus der Menge heraus nach den Heftchen. Eleonore wagte nicht, selbst zuzugreifen. Aber ein Exemplar fiel direkt vor ihr auf den Boden. Sie hob es auf und steckte es unter ihre Bluse. Ihre Hand zitterte dabei.

Langsam ging es weiter. Rechts vom Weg fiel das Gelände steil ab. Eleonore ging noch ein paar Schritte, und blieb dann unter einem Baum stehen.

Die Reihen wurden lichter, denn alle drängten weiter nach vorne, hinunter in die Senke.  

Eleonore stockte der Atem. Am Ende des Hanges sah sie ein Podest, auf dem einsam ein Stuhl stand. Rings herum waren die Wiesen und Felder schwarz von der Menge. Soldaten bemühten sich, eine Gasse frei zu halten, liefen immer wieder die Reihen entlang und stießen mit ihren Gewehrkolben in die drängende Menge hinein.

Neben dem Podest stand ein Pritschenwagen mit einer länglichen Kiste. Deren Deckel lag angelehnt daneben. Eleonore schluckte. Ihre Hände wurden feucht.

„Sie kommt“, rief plötzlich jemand und der Ruf pflanzte sich fort. Köpfe regten sich nach links und nach rechts. Hufgeklapper wies endlich allen die Richtung und wie Blätter sich dem Wind beugten, wandten sich alle nach links. Dort tauchte in einer feinen Staubwolke eine offene Kutsche auf. Soldaten begleiteten den Wagen. Ein Raunen ging durch die Menge.

Eleonore sah den Kutscher, sah einen Geistlichen und einen weiteren Mann. Und sie sah die Frau, die Giftmörderin. Die saß aufrecht im Wagen und blickte umher. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Eleonore wich einen Schritt zurück. Wie ruhig die Verurteilte im Wagen saß! Nichts an ihr ließ erkennen, dass sie ihrem Tod entgegensah.

Über Eleonore knackte ein Ast. Wie Trauben hingen Gassenjungen in dem Baum und starrten mit offenen Mündern zur Richtstelle.

Die Kutsche hielt vor dem Podest. Eleonore konnte sie einen Moment nicht mehr sehen, weil vor ihr alle ihre Hälse reckten. Es dauerte nicht lange, und die Verurteilte erschien auf dem Podest. Dort blieb sie stehen, faltete die Hände und blickte in den Himmel. Ein letztes Gebet.

Der Scharfrichter wartete geduldig. Endlich trat Christiane Ruthhardt an den Stuhl, nahm Platz und richtete sich gerade. Ihre Hände wurden mittels Riemen fixiert. Der Scharfrichter trat an sie heran, riss ihr Oberkleid auseinander und zog es herunter. Hell schimmerte die Haut der Verurteilten.

Wieder ging ein Raunen durch die Menge.

Eleonore schloss erst ihre Augen und blickte dann doch wieder hin.

Der Scharfrichter trat zurück, ließ sich sein Schwert reichen und wies seinen Gehilfen mit einem Nicken an. Der fasste den Kopf der Verurteilten.

„Halt!“, rief jemand in der Menge. Gleichzeitig mit dem Schrei führte der Scharfrichter seinen Hieb aus. Eleonore sah, wie der Gehilfe den abgeschlagenen Kopf dem Scharfrichter übergab. Der zeigte ihn ringsum der Menge, die das mit „Ah‘s“ und „Oh‘s“ quittierte. Der Körper der Verurteilten neigte sich zur Seite. In zwei Fontänen schoss Blut aus dem Rumpf in die Höhe.

Eleonore würgte den Brechreiz herunter und wandte sich ab. Ein Blutstropfen lief ihr über das Kinn. Sie hatte sich in die Unterlippe gebissen.

Hier war ein Unrecht begangen worden. Hier hatten Männer über eine Frau gerichtet, die aus Verzweiflung und nicht aus Bosheit gemordet hatte. So schrecklich ihre Tat auch war, sie hatte sich nicht anders zu helfen gewusst. Das Recht kannte keine Milde. Das gleiche Recht, was ihr eine Scheidung unmöglich gemacht hatte. 

 

 

 

 

 

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