Michael Kress
Michael Kress  

Wenn plötzlich alles anders wird

Ich reise sehr viel, meist in andere Städte. Mal zum recherchieren, mal auch nur so. Oder so wie hier, aus beruflichen Gründen.

 

Sehr oft schreibe ich dann über meine Erlebnisse. Kleine Artikel, die bis jetzt nur in meinen Ordnern, meinen Laufwerken schlummern.

 

 

 

                Da fährst du nach München

 

 

Da fährst du nach München, besuchst ein Seminar und denkst nichts Böses. Nichts Außergewöhnliches, bis hin zu jenem Moment in der Mittagspause.

   Du machst einen Schritt, wie du ihn tausendfach schon gemacht hast. Zu schnell, angetrieben durch das Auto, dass in eine Garage fahren will. Scheppernd ging das Garagentor auf und du bist erschrocken. Es ist kalt, Anfang November, und deine Muskeln mögen keine ruckartige Bewegung.

   Zack!

   Peng!

   Ein Messer fährt dir in die Wade. Nicht wirklich, aber es kommt dir so vor. Du spürst, wie etwas gleich einem Gummiband gerissen ist. Der Schmerz ist heftig und kurz. Langsam humpelst du zurück zu dem Haus, wo dein Seminar stattfindet. Zweihundert Meter, die dir wie zwei Kilometer vorkommen. Der Pförtner tritt heraus und kommt dir ein Stück entgegen.

   »Na, ein Missgeschick passiert?«

   »Die Wade«, sagst du.

   »Kenn ich«, sagt der Pförtner. »Wie Sie gehen, tippe ich auf einen Muskelfaserriss. Soll ich Ihnen ein Taxi bestellen? Sie sollten zum Arzt.«

   »Ja«, sagst du. Und: »Wenn sie bitte dem Kursleiter Bescheid geben. «

   Der Pförtner hebt seine Augenbrauen.

   »Der Aufbau eines Romans, Kursleiter Kretschmann.«

   »Wird gemacht. Wollen Sie nicht Ihre Sachen holen. Wir schließen später zu.«

   »Gute Idee«, sagst du.

   Der Pförtner schreibt eine Adresse auf und reicht dir den Zettel. Die sieben Meter bis zum Aufzug humpelst du in sagenhaften drei Minuten. Im Flur des siebten Stocks stehen die anderen Teilnehmer beisammen und quatschen. Es ist noch Mittagspause. Verwundert sehen sie dir zu, wie du ihnen entgegenhumpelst. Du erzählst deine Geschichte. Kretschmann kommt aus dem Seminarraum.

   »Da sind Sie ja. Der Pförtner hat angerufen. Herr Maier hier, der uns die Technik aufgebaut hat, würde sie mitnehmen. Zwei Straßen weiter ist der Orthopäde.«

   Herr Maier ist ein stummer Zeitgenosse, was dir recht ist. Er fährt einen SUV, keinen der großen, einen, wo es älteren Menschen leichter fällt, einzusteigen. Du bist vierzig geworden und durch einen unbedarften Tritt in die Lage versetzt worden, alt zu sein.

   Es ist kurz vor zwei Uhr, als du dem Orthopäden gegenübersitzt. Ihn würdest du dir gesprächiger wünschen. Er drückt ein wenig an deiner Wade rum, steht wortlos auf und verschwindet. Die Arzthelferin ist mitteilsamer. Sie führt dich in einen anderen Raum, macht eine Ultraschalluntersuchung und führt dich zurück.

   »Der Herr Doktor kommt gleich.«

   Es dauert eine geraume Zeit. Du bist nicht allein mit deinem Problem. Um dich herum wird gehumpelt, mit Krücken hantiert und mit schmerzverzehrtem Gesicht der neueste Tratsch in irgendeinem Echo des sowieso gelesen.

   Der Arzt kommt, schaut kurz auf den Bericht der Arzthelferin und greift deine Wade.

   »Ein Muskelfaserriss«, sagt er. »Kein Bündelriss. Drei Wochen kein Sport.«  

   »Laufen darf ich?«

   »Müssen Sie ja. Sie bekommen noch einen Verband.«  

   Meine Frage, was ich noch tun könne, entlockt ihm ein Schulterzucken.

   »Ich verschreibe Ihnen noch Schmerztabletten für alle Fälle.«

   Soweit du dich orientieren kannst, liegt dein Hotel nicht weit weg. Wenige Querstraßen entfernt. Ein kleiner Weg für die meisten, für dich eine große Herausforderung. Andrerseits weißt du mittlerweile, dass du laufen kannst, auch wenn es einem Zeitlupenlauf ähnelt. Rechtes Bein vor, linkes Bein nachziehen (das ist das lädierte). Es tut nicht einmal weh. Ein leichtes ziehen in der Wade, mehr nicht.

   Du stehst unten auf der Straße. Nein, selbst gehen ist keine Alternative. Wenige Meter reichen aus, um das festzustellen. Du schaust argwöhnisch einen Typen an. Dunkle Augen, schwarzes Haar. Er sieht dich, beachtet dich nicht weiter und widmet seine Aufmerksamkeit seinem Smartphone. Hat er deinen Rucksack angesehen? Du denkst zum ersten Mal, wie verletzlich du bist. Der Fremde könnte deinen Rucksack schnappen und auf und davonrennen. Du könntest ihm nicht folgen. Keine Chance.

   Du behältst den Mann im Auge, bis ein Wagen hält. Ein älterer Herr steigt aus, tritt zu ihm. Die beiden umarmen einander, sprechen in einer fremden Sprache, steigen in das Auto und fahren davon. Du atmest aus und denkst: Junge, wird nicht paranoid. Dunkle Augen und schwarzes Haar bedeuten nicht zwangsläufig eine Gefahr.

   Ein paar Meter entfernt schimpft eine Frau. Sie steht vor einem Taxi und mit einem Mal erkennst du, das da direkt vor dem Arzthaus ein Taxistand ist. Du schüttelst den Kopf ob deiner Blindheit.

   »Kein Rauchertaxi!«, sagt sie und schüttelt ihren Kopf.

   Ich humpele hinüber.

   »Sind Sie frei?«

   »Ja«, brummt er. Der ist noch angefressen von der Standpauke, die ihm die Frau gegeben hat. »Ich hoffe, Rauch stört Sie nicht.«

   »Ich habe andere Sorgen«, antworte ich.

   Der Taxifahrer steigt aus und nimmt mir meinen Rucksack ab.

   »Muskelfaserriss?«

   »Ja.«

   Die Fahrt dauert wenige Minuten. Ich denke mir, dass die Entfernung dennoch mein Tod gewesen wäre. Ich hätte bis in die Nacht hinein gehumpelt. Unterwegs erzählt mir der Taxifahrer von seinen Muskelfaserrissen. Die bekäme er alle halben Jahre.  Er zählt mir zahlreich Mittel auf, die ihm stets helfen würden und die er mir wärmstens empfehlen kann. Es sind viele Mittel und ich hege den Verdacht, dass er einen Apotheker in der Verwandtschaft hat.

   »Das geht schnell vorüber«, gibt er mir auf den Weg mit.

   Das macht Mut, dennoch bin ich froh, später auf meinem Zimmer zu sitzen. Eine Apotheke ist gleich ums Eck, sagt dir die Frau an der Rezeption. Und nicht weit davon ist ein griechisches Restaurant.

   Es ist dunkel, als du später den Mut fasst und losgehst. Schritt für Schritt. Ohne große Schmerzen. Die Apotheke findest du sofort. Wo ist der Grieche? Ein Mann mit Stock kommt vorbei.

   »Folgen Sie mir, junger Mann«, sagt er und schreitet voran.

   Ich folge ihm, kann aber nicht mithalten. Bevor er aus meinem Gesichtsfeld verschwindet, entdecke ich das Schild. Ikarus heißt der Grieche. War das nicht die tragische Gestalt, die immer höher fliegen wollte und am Ende in den Tod stürzte?

   Trotz allem genieße ich das Abendessen. Im Lokal sitzen fast nur Männer. Alle ähneln sie der Bedienung. Dunkle Augen, schwarze Haare. Sie sprechen alle Griechisch.  

   Es ist spät, als ich in mein Bett falle. Der Tag ist anders verlaufen, wie ich mir das vorgestellt habe. Morgen werde ich zum Seminar gehen und lernen, wie man einen Roman aufbauen sollte. Irgendwie komme ich hin. Sind nur zwei Querstraßen.

   Heute erteilte mir das Leben eine Lektion. Wie schnell du ein hilfloses Geschöpf werden kannst. Ich will mich künftig in Demut versuchen.

 

 

 

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