Michael Kress
Michael Kress  

Musik als Ideengeber

Meine Generation ist mit Udo Jürgens aufgewachesn. Er war immer wieder präsent auf den Bildschirmen und seine Lieder waren Allgemeingut. Jeder kannte "Griechischer Wein" oder "Das ehrenwerte Haus". Sein "Ich war noch niemals in New York" gehört zweifelslos dazu. Dies Lied hat mich zu nachfolgender Geschichte inspiriert.

 

Nachzulesen auch in "Blicke in den Spiegel - Geschichten wie gemalt." Die Geschichtensammlung ist nach wie vor käuflich in allen Buchhandlungen Ihres Vertrauens.

 

 

Ich gehe mal eben.

 

Werner Blank betrat die Wohnung, in der Erwartung, dass ihm sofort Essensgeruch in die Nase ziehen würde. Verena wusste ja genau, wann er nach Hause kam. Er roch nichts, was auf Essen hindeuten würde. Im Flur standen die großen Koffer. Ein wenig irritiert schloss er die Wohnungstür. Er zog seine Jacke aus, hängte sie neben die seiner Frau und ging ins Wohnzimmer. Bunt durcheinander lagen das Goldene Blatt, Echo der Frau, der Kicker und alte Tageszeitungen auf dem Couchtisch, daneben standen die halbvollen Weingläser vom Vorabend. Stundenlang hatten sie stumm vor der Glotze gehockt.

»Verena, wo bist du?«, rief er laut.

»Ich bin hier«, kam ihre Stimme gedämpft aus dem Schlafzimmer.

Er öffnete die Schlafzimmertüre und stockte zunächst einmal, da die Fensterläden geschlossen waren und kein Licht brannte. Als er es angeknipst hatte, sah er die Unordnung vom Wohnzimmer fortgesetzt. Überall lagen Kleidungsstücke herum. Verena lag auf dem Rücken in ihrem Bett, die Wolldecke bis unters Kinn hochgezogen.

»Hast Du meine Hosen gebügelt?« fragte er.

»Ich habe die Schränke ausgewaschen. Darum stehen die Koffer im Flur. Das hat mich angestrengt. Es könnte ja sein, dass ich mich nicht wohl fühle. Danach zu fragen, kommt dir nicht in den Sinn«, murmelte sie und wandte ihm den Rücken zu.

»Wie bitte?«, fragte er. Er hatte nichts verstanden.

»Ich dachte, ich lasse sie dir übrig«, seufzte sie. »Früher haste ja auch bügeln können.«

Er schluckte. »Kann ich was zu essen bekommen?«   

»Schau in der Küche nach, ob etwas deinen Wünschen entspricht.« Sie sah ihn schläfrig an. »Ich koche heute auf keinen Fall.«

»Was soll das heißen?« Er spürte, wie der Ärger in ihm anwuchs. »Ich habe Hunger.«

»Mach dir eine Konserve auf.«

»Ich schufte den ganzen Tag, Verena. Willst du mir heute nichts kochen? Ist das ein neues Spiel von dir?« Seine Stimme schwoll an.

»Werner, es geht lauter. Die Nachbarn sollen ruhig wissen, dass du zu Hause bist. Ich koche nicht, weil ich heute keine Lust dazu habe.«

»Keine Lust«, kreischte er.

Sie hatte ihr Gesicht abgewandt und drehte ihm erneut den Rücken zu. Seine Adern schwollen an, aber so schnell sie gekommen war, fiel seine Wut zusammen wie ein Kartenhaus. Zurück blieb nur Resignation. »Keine Lust«, murmelte er und schüttelte den Kopf.

In der Küche fand er einen Krumen Brot und einen Zipfel Salami. Lustlos aß er beides. Nein, ein Streit würde nichts bringen. Irgendetwas in ihrer fünfzehn Jahre bestehenden Ehe war zerbrochen. Vielleicht lag es daran, dass sie keine Kinder hatten. Herrgott, andere sind vierzig Jahre und länger glücklich miteinander verheiratet! Sie redeten kaum miteinander, gingen mehr und mehr getrennte Wege.

Nach der dürftigen Mahlzeit suchte er nach Zigaretten, fand nur zwei leere Schachteln. Also musste er Zigaretten holen. Er betrat das Schlafzimmer. Das Licht war erneut ausgeschaltet. Er ließ es aus.

»Ich gehe Zigaretten holen«, sagte er in das Dunkel hinein.

Als Antwort erhielt er nur einen Seufzer. Erst im Treppenhaus, sah er nach, ob er das nötige Kleingeld dabeihatte. Da bemerkte er, dass die zweihundert Euro Haushaltsgeld noch in seiner Geldbörse waren, die er nach der Arbeit abgehoben hatte. Normalerweise nahm er nie mehr als fünfzig Euro mit außer Haus.

Unten auf der Straße blieb er abrupt stehen. Wie viele Männer gingen nur mal eben Zigaretten holen und verschwanden von der Bildfläche? Dergleichen las man ja in den Illustrierten. Wenn ich . . . Zum Zigarettenautomaten ging es links herum. Zunächst verhalten, ging er ein paar Schritte nach rechts. Doch mit jedem weiteren Schritt ging er schneller und ausholender. Ja, fort, nur fort, schoss es ihm durch den Kopf. All den Ärger und die Monotonie abstreifen wie überflüssigen Ballast. Ja, das war es! Er lief geradezu in einen Rausch.

Es begann heftig zu regnen. Er war so in Gedanken gefangen, dass er das Zusammenziehen der Wolken überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Halb durchnässt suchte er in einem Hauseingang Schutz. Von da sah er die Leuchtreklame des Sportheims. Ihm wurde klar, dass er, obwohl ziellos, einen vertrauten Weg gewählt hatte. Warum nicht ein Bier trinken, überlegte er.

Im Lokal, es war nur spärlich besetzt, nahm er an der Theke Platz.

»Ein Hefeweizen«, bestellte er.

Kurt, der Wirt, bediente ihn. »Na, zu Hause dicke Luft? Bei Sauwetter geht sonst keiner auf die Straße. Siehst aus wie ein begossener Pudel.«

Schnell, viel zu schnell, trank er das erste Bier. Er spürte den Alkohol, hatte er doch wenig zu Abend gegessen, trotzdem bestellte er ein zweites Bier.

»Ich werde verschwinden«, sagte er später zu Kurt. »Weißt du, einfach alles liegen und stehen lassen.«

»Das berühmte Zigaretten holen. Ob das die Lösung ist? Jedem ist mal zum Davonlaufen. Na ja, das muss jeder selbst wissen«, meinte Kurt zweifelnd. »Trink noch eines, und die Welt sieht freundlicher aus.«

So trank Werner Blank ein drittes Bier. Ihm war klar, dass er heute nicht mehr verschwinden würde. Sein Entschluss stand fest. Er wollte alles abstreifen wie eine zweite Haut. Nur besser vorbereitet wollte er es angehen.

Der Regen hatte aufgehört, als er auf die Straße hinaustrat. Langsam trottete er nach Hause.

Die Wohnung lag vollkommen im Dunkeln. Er tastete nach dem Lichtschalter, fluchte leise. Die Koffer waren wenigstens verschwunden.

»Verena, wieso brennt denn kein Licht?«, fragte er.

Es war still. Zu still. Kein Fernseher lief, kein Radio. Nichts. Er ging den Flur entlang zum Wohnzimmer, blieb vor der Schlafzimmertür stehen. Da lag ein Blatt Papier. Er hob es auf und las:

 

Ich bin weg, suche mich nicht!

Alles Gute, Verena

 

Er las den Zettel mehrmals. Seine Knie begannen zu zittern. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und rutschte langsam hinab, bis er auf dem Fußboden saß.

»Ich bin weg«, sagte er laut und begann zu lachen. Erst leise, dann immer lauter, bis hin zu einem hysterischen, ja wahnsinnigen Lachen. Seine Schultern zuckten, sein Körper war ein einziges Vibrieren. Und weinen musste er. Als das Lachen verebbte, da waren es die Tränen, die ihm blieben.

        

 

 

 

 

 

 

 

             

 

 

 

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