Michael Kress
Michael Kress  

Mit Kindesaugen

Eine weitere Geschichte, bei der ich durch ein Lied angeregt wurde. Hier war es "Windmill" von Chris Simmance, einem englischen Liedermacher. Wer auf etwas ruhigere Lieder steht sollte ihn unbedingt hören. Mittlerweile ist er zusammen mit seiner Frau Julia unterwegs.

 

Diese Geschichte ist auch nachzulesen in "Blicke in den Spiegel - Geschichten wie gemalt." Hier hätte es wohl besser "Geschichten wie gesungen" geheißen.

 

 

 

                           Die Windmühle

 

 

 

Die beiden liefen das Kornblumenfeld entlang. Der Junge betrachtete mit offenem Mund die Umgebung und achtete gleichzeitig darauf, nicht die Hand seines Vaters zu verlieren. Der Vater, in Gedanken versunken, glich sein Schritttempo im Unterbewusstsein seinem Sohn an. Beiden tat die frische Luft gut. Sie wollten Opa Heinz besuchen. Vor zwei Stunden waren sie mit dem Auto gestartet, und weitere zwei Stunden lagen mindestens vor ihnen.

Sie kamen an eine Wegkreuzung. Es wäre an der Zeit, zum Wagen zurückzukehren, dachte der Vater. Er wollte seinen sechsjährigen Sohn nicht überfordern. Bis hinauf zu dem Kieferwäldchen, dann würden sie umdrehen. Oben bot sich bestimmt ein herrlicher Rundblick über die fremde Landschaft. Als sie anlangten, war dem Vater sofort klar, dass sie jetzt nicht umkehren konnten.

»Oh, Papa! Schau!«, rief der Junge.

Keine hundert Meter entfernt, auf der Kuppe, stand eine Windmühle. Die Bäume hatte sie bisher ihren Blicken entzogen.

»Ist das eine Burg?«, fragte der Junge.

»Nein, Jan. Es ist keine Burg.«

Bald standen sie direkt vor der Mühle. Der Junge legte seinen Kopf in den Nacken und schaute die großen Flügel an. An etlichen Stellen war das Segeltuch eingerissen. Leise summte der Wind ein Lied.

Der Vater betrachtete derweil das kleine Häuschen, das direkt an die Mühle angebaut worden war. Von den Holzwänden blätterte die rote Farbe ab. An den Fensterläden lugte an vielen Stellen das blanke Holz hervor.

»Ich weiß, was das für ein Haus ist«, rief der Junge mit kindlichem Übermut. »Es macht Strom.«

»Nein, Jan. Die großen Rotoren, die wir unterwegs gesehen haben, damit kann man Strom machen.« Der Vater lächelte nachsichtig. »Das ist eine Windmühle. Eine alte Windmühle. Siehst du die großen Segel? Die fangen den Wind ein. Weht der stark genug, dreht sich das große Rad und treibt den Mahlstein an, der im Innern der Mühle steht. Der mahlt das Korn klein, bis es zu Mehl geworden ist.«

»Ehrlich?«

Angesteckt von Jans Neugier ging der Vater um das Häuschen herum. Jan folgte mit trippelnden Schritten.

»Früher gab es viele solcher Windmühlen«, erklärte der Vater über seine Schulter. »Da kannten die Leute keinen elektrischen Strom.«

Als der Vater um die Ecke trat, sah er einen großen schwarzen Wagen mit getönten Scheiben und einem grau aufgemalten Kreuz. Impulsiv wollte er umkehren, aber Jan war schon heran. Als er das Auto sah, griff er schnell Vaters Hand.

Die Heckklappe des Wagens stand offen, ebenso die Tür ins Haus. Unschlüssig stand der Vater da, gefasst auf weitere Fragen Jans.

Zwei Männer trugen einen grauen Sarg aus dem Haus. Ihnen folgte ein dickleibiger Mann, der eine große, schwarze Arzttasche trug. Die beiden Männer nahmen von ihnen keine Notiz, der Dicke aber trat auf den Vater zu.

»Nun hat der alte Müller seinen Frieden«, sagte er.

»Die Mühle ist … sie war bewohnt?« Der Vater sah ungläubig zum Haus. In den Fenstern hingen Spinnweben, und die Vorhänge sahen aus, als seien sie seit Jahren nicht gewaschen worden.

»Ja, er hat bis zuletzt hier gewohnt«, antwortete der Arzt und wischte mit einem Taschentuch über seine schweißnasse Stirn. »Allein«, fügte er bitter hinzu und erzählte weiter. Die Frau des Müllers sei vor Jahren gestorben, der Sohn und die Tochter bald darauf weggezogen.

»Der Sohn verschwand von einem Tag auf den anderen. Erst nach Monaten kam eine Nachricht. Er wolle in der Fremde sein Glück versuchen, schrieb er. Das ist ihm wohl geglückt und er hat in der Hotelbranche Karriere gemacht. Hin und wieder kam ein Brief. Darin lagen Hochglanzprospekte der Hotels, in denen er arbeitete. Der Müller zeigte sie mir und klagte, dies sei alles, was er von seinem Sohn habe.«

»Und die Tochter?«, fragte der Vater.

»Die ist mit einem Maler auf und davon. Der hatte erst die Windmühle gemalt und später die Tochter. Das Bild ließen sie zurück. Beide Kinder waren Jahre nicht hier.«

»Warum zog der Müller nicht hinunter ins Dorf?«

Der Arzt lächelte. »Als ich im Alter Ihres Jungen war, da liefen die Geschäfte des Müllers prächtig. Die Leute kamen gerne, um Mehl für ihre Brote zu kaufen. Irgendwann wurde ihnen der Weg zu beschwerlich. Zuletzt kauften Gaststätten und Hotels der Gegend Mehl, um mit dem daraus gebackenen Brot bei ihren Gästen anzugeben. Direkt vom Müller

Der Sarg war mittlerweile im Wagen verstaut. Die beiden Männer standen fragend da.

»Ihr könnt fahren«, sagte der Arzt.

»Was wird aus der Mühle?«, fragte der Vater.

Der Arzt verzog sein Gesicht. »Im Dorf gehen Gerüchte rum, der Sohn wolle in der Mühle ein Café einrichten. Wer weiß, wenn Sie das nächste Mal in die Gegend kommen, können Sie vielleicht einen Eisbecher essen.« 

Eine schwarz gefleckte Katze schlich miauend aus der Haustür.

»Sie war seine letzte Gefährtin«, erklärte der Arzt. »Sie kam vor zwei Jahren zu ihm, als er krank im Bett lag. Sie ist ihm seither nie mehr von der Seite gewichen.«

»Papa, können wir denn nicht die Katze nehmen?«, fragte Jan, der fest Vaters Hand drückte.

»Das wäre prima!«, sagte der Arzt.

Der Vater schüttelte den Kopf. »Du weißt doch, Jan, dass die Mami keine Tiere im Haus haben möchte. Es geht nicht.«

»Aber Papa, die Katze könnten wir Opa Heinz mitbringen. Der wohnt ganz allein. Wir besuchen ihn ja kaum. Der würde sich freuen.«

Der Vater war nachdenklich geworden. Ja, seinen Vater würde die Katze erfreuen, hatten sie doch früher jede Menge Tiere gehabt. Den Vater rührte, dass Jan in seiner kindlichen Einfalt das Schicksal des alten Müllers mit dem seines Opas verglichen hatte. Sie besuchten ihn wirklich viel zu selten. Er und seine Brüder.

»Na gut. Bringen wir die Katze zu Opa.«

Jan schrie auf vor Freude, ließ die Hand seines Vaters los und lief zur Katze.

Der Arzt lächelte erleichtert. »Das ist fein.«

»Wie heißt denn die Katze?«, fragte der Vater.

»Rosanna.«

Jan trug die Katze auf seinen Armen. Sie ließ sich bereitwillig streicheln. Der Arzt verabschiedete sich von ihnen, stieg auf einen Motorroller und fuhr davon.

»Wir werden Milch kaufen müssen«, sagte Jan ernst. Langsam gingen sie Hand in Hand zurück in Richtung Dorf, zu ihrem Auto und weiter zu Opa Heinz.

 

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