Michael Kress
Michael Kress  

Verluste

Hier möchte ich William vorstellen, der in meinem historischen Roman "Nicht für alle Zeit - Aufbruch", einer der männlichen Hauptrollen spielt. Die Geschichte spielt etliche Jahre vor dem Roman und William heißt hier noch Wilhelm.

 

Unsere Kindheit prägt uns, besonders wenn wir schon in jungen Jahren Verluste hinnehmen müssen.

 

 

September 1834, Nordatlantik

 

Die Cholera hielt gnadenlos Ernte im Zwischendeck der ›Clementine‹. Nur ein paar an der Decke befestigte Petroleumfunzeln schaukelten hin und her und sorgten für etwas Licht. Die Balken knarrten. Welle auf Welle schlug gegen das Schiff und ließ die Planken erzittern. Die Eimer, in die die Passagiere ihre Notdurft verrichteten, kullerten unkontrolliert umher. Dabei verstreuten sie ihren Inhalt. Wen die Cholera bisher verschont hatte, der lag seekrank danieder. In einer Ecke sprach jemand ein Gebet. Gleich daneben weinte ein Mädchen. Irgendwo im Halbdunkel würgte eine arme Seele. Seit Tagen wütete nun schon der Sturm und verhinderte, dass die Passagiere an Deck frische Luft schöpfen konnten. Alle Luken waren zu Beginn des Sturmes fest verschlossen worden. Die Agenten und Werber hatten Amerika ein freies Land genannt, in dem anständige Arbeit gerecht bezahlt würde. Doch für viel zu viele von ihnen endete die Reise in dieser Hölle. 

An Bord war kein Arzt. Hilfe, sofern es sie überhaupt gab, fand nur zwischen nahen Verwandten statt. Ansonsten waren alle vollkommen mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt. Die Mannschaft tat nur das unbedingt Notwendige. Eben unternahm Bootsmann Brahms einen Rundgang, begleitet von einem Matrosen mit einer Öllampe. Brahms presste ein Tuch vor Mund und Nase. In der anderen Hand hielt er eine rote Kreide. Langsam schritten sie in gebückter Haltung die Reihen der in drei Etagen angebrachten Kojen ab. Diese maßen jeweils 180 auf 180 cm und boten Platz für bis zu fünf Menschen.

„Hier“, knurrte er, „und hier.“ Dabei kennzeichnete er die groben Bretter der Kojen mit einem roten Kreuz. Bald würden ein paar Männer kommen und überall da, wo das Zeichen angebracht war, ein lebloses Bündel herausziehen. Schon an die vierzig der ursprünglich über zweihundert Reisenden waren in ein Segeltuch eingenäht der See übergeben worden. Wenn schon wenig gegen die Seuche ausgerichtet werden konnte, so war es doch ein Gebot der Stunde, die Toten schnellstmöglich fortzuschaffen.

Auch Josef Euskirchen lag völlig ausgezehrt im Sterben. Seine Wangen waren eingefallen und die Nase stak spitz hervor. Neben ihm auf der Koje saß Wilhelm, sein zehnjähriger Sohn. Der Junge umklammerte mit beiden Händen die faltige rechte Hand des Vaters. Eine Hand, die ihn so manches Mal fest am Nacken gepackt hatte, aus der aber nun jede Kraft entwichen schien.

„Der nimmt auch den direkten Weg ins Paradies“, brummte ein Mann in der Nebenkoje. Brahms, der gerade vorbeikam, versetzte ihm einen kräftigen Stoß. Der Mann krümmte sich und zog sich zurück.

„Halt dein versoffenes Maul!“, knurrte der Bootsmann. Erst gestern hatten sie die Mutter des Jungen dem Meer übergeben. Das war weiß Gott schlimm genug. Trotz des Ärgers nahm er aber dennoch eine Veränderung im Verhalten des Schiffes wahr. Vor ihm lag ein leerer Holzbecher auf dem verschmutzen Boden, der sich nur wenig bewegte. Kein Zweifel, der Sturm ließ nach. Bald würden die Luken wieder geöffnet werden können. Das gab zumindest Hoffnung für die, die dann noch am Leben waren. Jakob Brahms führte seinen traurigen Gang mit neuer Zuversicht fort.

Um Wilhelm Euskirchen und seinen Vater herum wurde es wieder dunkler. Dem Jungen liefen Tränen durch das verschmierte Gesicht.

„Du … musst nicht … weinen!“, sprach Josef Euskirchen mit stockender Stimme. Er hob seine linke Hand und tippte gegen Wilhelms Brust. „Halte uns … in … Ehren.“ Er hustete keuchend. „Mach was … aus deinem … Leben!“

Der Junge ertastete unter seinem Flanellhemd den ledernen Einband eines kleinen Büchleins, welches ihm sein Vater gestern anvertraut hatte. Es war die Familienchronik der Euskirchens. Vor wenigen Tagen erst hatte seine Mutter voller Hoffnung hineingeschrieben. Nun lag Anne Euskirchen irgendwo auf dem Meeresgrund in ihrem nassen Grab.

„Lass mich nicht alleine, flehte er leise.

„Lebe … lebe!“, krächzte sein Vater. Ein Zittern durchfuhr seinen abgemagerten Körper. Und dann rief er, eindringlich und flehend zugleich, einen einzigen Namen: „Friedrich!“

Mit einem letzten, langen Seufzer erlosch sein Leben.

Wilhelm Euskirchen spürte dies durch seine Hände hindurch, spürte wie ihm die Hand seines Vaters entglitt. Aus der Kehle des Jungen kam ein markerschütternder Schrei. Brahms eilte heran. Der Matrose folgte ihm und als er ankam, erleuchtete die Öllampe die nun glasigen Augen Josef Euskirchens.

Der Bootsmann trat zu Wilhelm und legte ihm seine schwielige Hand auf die Schulter.

„Ich werde zusehen, dass sich einer deiner annimmt“, sagte er. Mehr konnte er fürs Erste nicht tun.

 

 

 

 

 

Druckversion | Sitemap
© Michael Kress