Michael Kress
Michael Kress  

Gibt es Wunder - ja, wenn wir ein bisschen nachhelfen

Die folgende Geschichte gehört zu jenen, die als erste an die Öffentlichkeit drangen.

Es ist eine Weihnachtsgeschichte, und passt gut hier rein.

 

Darüber hinaus ist sie nachzulesen im "Nürnberger Weihnachtsbuch" des Wellhöfer Verlages, erschienen in 2011.

 

 

 

                Ein besonderes Weihnachtsgeschenk

 

 

 

Simon Kaiser betrat die Sebalduskirche durch das große Portal. Halbdunkel umhüllte ihn. Einen Moment blieb er am Ende der Sitzreihen stehen.

   Niemand der wenigen Anwesenden schenkte ihm besondere Aufmerksamkeit.

Niemand rümpfte die Nase.

   »Du kommst doch heute Abend zur Weihnachtsfeier?«, hatte ihn Heinz von der Wärmestube gefragt. Und: »Hast du einen Schlafplatz für die Nacht?«

   Simon hatte bejahend genickt.

   Nun ging er den braunen Läufer entlang. Seine vom Schnee nassen Stiefel hinterließen dunkle Spuren. Noch immer hielt er mit seiner rechten Hand den Kragen seines Mantels zusammen. Den trug er hochgestellt, um den fehlenden Schal zu ersetzen. Beim Altar brannten zwei Kerzen in den gusseisernen Ständern. Dahinter erhob sich schwarz das Grabmal des Hl. Sebalds, Namensgeber der Kirche, Schutzpatron der Stadt Nürnberg. Simon sah eine alte Frau in der ersten Reihe sitzen. Sie hatte den Kopf nach vorne geneigt und die Hände gefaltet. Er lief an ihr vorbei. Er selbst hatte längst aufgehört zu beten. Wozu auch? Zu wem auch? Einen Allumfassenden, gar einen barmherzigen Gott, den gab es für ihn nicht mehr. Er verzog sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln. Immerhin boten Kirchen Wärme. Unverbindliche Wärmestuben nannte sie Simon. Mit Fußbodenheizungen versuchte man die letzten Kirchgänger bei der Stange zu halten. Jeden Tag führte ihn seine Runde den Burgberg hoch bis zur Sebalduskirche. Eine gute Durchblutung ist die halbe Miete, hatte ihm Doktor Schmidt gesagt.

   »Bleiben Sie in Bewegung.«

Das lag jetzt über drei Jahre zurück. Seither hatte er keinen Arzt mehr gesprochen. Aber an die Worte konnte er sich noch gut erinnern.

   Bald würden nach und nach die Gläubigen, oder die, die sich als solche ausgaben, die Kirche bevölkern. Es war schließlich Heiligabend. Noch vor Beginn der Andacht würde er hinausgehen. Er wollte nicht dabei sein. Die Menschen versuchten viel mehr als sonst lieb zueinander zu sein. Dem ein oder anderen saß das Geld lockerer in der Tasche, und manch Obdachloser bekam einen Schein zugesteckt.

   Er hatte Heinz belogen. Weder würde er zur Weihnachtsfeier in die Wärmestube kommen, noch besaß er für die Nacht einen wirklichen Schlafplatz. An Tagen wie heute steigerte sich das >Lieb sein< in all diesen Einrichtungen für ihn in unerträgliche Höhen. Da wurde ihm seine wahre Identität noch bewusster. Als hielte man ihm einen Spiegel vor. Das unausgesprochene Mitleid der Leute mit ihm der gescheiterten Existenz, stand deutlich in deren Augen.

   Als Dachdecker hatte er gearbeitet. Dann kamen die Schwindelanfälle. Diese Angst vor Höhe konnte er sich nicht erklären. Er wurde ins Lager versetzt, verdiente dadurch weniger. Aber das Geld reichte ihnen. Dann erkrankte Martha. Die Medizin war teuer und die Krankenkasse kam nicht für alle Kosten auf. Mit Überstunden hatte er es dennoch geschafft. Sie starb in seinen Armen.

   Mit Marthas Tod verlor er seinen Antrieb. Erst kam er ständig zu spät zur Arbeit, dann blieb er öfters zuhause. Anfangs noch mit Krankenschein, bald ohne. Es folgte die erste Abmahnung, eine zweite. Er ignorierte sie. Die Kündigung entdeckte er unter all den anderen Briefen, die ungeöffnet herumlagen. Bei der Wohnung verlief es ähnlich. Und als der Termin der Zwangsräumung kam, verließ er morgens das Haus, als ginge er zur Arbeit. Er trug nur einen Stoffbeutel bei sich.

   Simon erreichte das Sebaldusgrab. Ein Ehepaar stand davor. Die Frau hatte sich bei ihrem Mann untergehakt. Dieser hielt ein aufgeschlagenes Buch in der Hand.

   »Er hat mit Eiszapfen Feuer gemacht, nachdem ihm ein Wagner ein Feuer verwehrte, an dem er sich wärmen konnte«, las der Mann vor. Leise, aber doch auch für Simon deutlich vernehmbar.

   Die beiden liefen weiter. Er blieb stehen und betrachtete eine Weile das Grab. Acht Säulen ragten in die Höhe, gekrönt von einem Baldachin. Das Ganze ruhte auf einer Plattform, die von Schnecken getragen wurde. Simon schlurfte weiter. Er kannte nahezu alle Wunder, die dem Heiligen Sebald zugesprochen wurden. Hatte sie immer und immer wieder in der Schule gehört. Die Pilger, die das Grabmal des heiligen St. Sebaldus sehen wollten, Touristen des Mittelalters, verhalfen dem noch jungen Nürnberg zu einem Aufschwung.  

   Simon gelangte zu den Kerzen. Ganz nahe trat er heran, strecke seine Hände aus. Die Flammen wärmten ein wenig. Aber gegen die Kälte in seiner Seele waren sie machtlos. Eine Art Dauerfrost hatte ihn befallen. Und sein Herz war zu einem Eisblock gefroren. Nur seinen Stolz besaß er noch. Und darum wollte er nicht zur Bahnhofsmission, nicht in die Wärmestube, in keine Notunterkunft. Ihm machte es nichts aus, an einem Tag wie heute alleine zu sein. Er war das Alleinsein gewöhnt.

   Er zählte die Lichter. Einundzwanzig Kerzen fasste der eiserne Ring. Heute waren alle Plätze belegt. Auch die dicke Kerze in der Mitte brannte. An der Wand hing eine Tafel. Den Spruch kannte er auswendig, dennoch las er ihn erneut:

   »Eine Kerze anzünden…an einen anderen Menschen denken …beten …spüren: Gott weiß um uns …«

   Gott! Was wusste der schon? Oder St. Sebald, der Einsiedler? Wenn es sich lohnen würde zu beten, würde Simon um Wärme bitten. Eine satte Wärme, wie er sie aus seiner Kindheit her kannte, zuhause am Kohleofen. Die jede Faser des Körpers durchdrang.

   Er wandte sich um und sah in Richtung des Grabmals. Hast du gehört, Sebald, Wärme. Er sprach zu sich selbst, stumm, zornig. Gott weiß um uns. 

 Schnee bedeckte die Pflastersteine vor der Kirche. Irgendjemand hatte den Grundriss der Moritzkappelle mit den Füßen nachgezogen, den sonst Steinplatten anzeigten. Was würde von ihm einst übrigbleiben? überlegte Simon.

  Vorbei an den verschlossenen Buden des Christkindelmarktes trottete er in Richtung Bahnhof. Dort unten, an der Stadtmauer, in einer windgeschützten Ecke, lagen seine Kartons, wartete sein Schlafplatz.

   Der Weg war weit. Er ging ihn langsam. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt, den Kopf hielt er gesenkt. Die quer über der Straße aufgehängten Sterne leuchteten in der Dunkelheit. Ihre himmlischen Brüder verbargen sich hinter grauen Wolken. Von weitem sah Simon das Grand Hotel. Hunderte von kleinen Lichtern hingen wie Girlanden an seiner Fassade.

   Er bog nach links in den Königstorgraben ein. »Eine Nacht für 79 Euro«, warb das Hotel Ibis gegenüber.

   Am Fuße des kleinen Abhanges lehnten Simons Kartons so an der Stadtmauer, wie er sie am Morgen verlassen hatte. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er hinunter ging. Auch die Süddeutsche Zeitung war noch vorhanden. Es war erst sechs Uhr abends, trotzdem wollte er sich bereits hinlegen. Er stopfte Teile der Zeitung in seine Hosenbeine und unter die Jacke. Simon las sie längst nicht mehr. Dass die Welt ein Irrenhaus war, wusste er auch ohne die Zeitung. Zwischen der Stadtmauer und einem Schacht, der gut zwanzig Zentimeter hochragte, legte er sich hin. Er drapierte die Kartons um sich herum, den Letzten zog er über den Kopf. Dunkelheit umfing ihn. Selbst sein Atem verschwand. Seine Augen hörten auf zu tränen, jetzt wo der eisige Wind nicht mehr zu ihnen drang.

   Etwas rumpelte gegen den Karton und riss ihn aus seinem Halbschlaf. Ein Hund? Er wartete auf ein Bellen, auf Rufe des Herrchens: »Pfui, Hasso, weg da!«

   Nichts dergleichen erklang. Es blieb ruhig. Langsam richtete er sich auf und lugte hinter dem Karton hervor. Kein Hund, kein Mensch. Niemand. Aber da lag eine große Einkaufstasche aus Plastik. Nur die Kälte war da, empfing ihn wie einen guten alten Freund.

   »Hau ab!«, schimpfte er in die Dunkelheit hinein.

   Neugierig zog er die Tüte zu sich und fasste hinein. Seine Finger fühlten ein Netz, in dem etwas Weiches steckte. Mit beiden Händen zerrte er am Inhalt. Ein silbrig glänzender Ballen Stoff, ein Schlafsack rollte heraus. Simon las das Etikett.

 

   Bis zu minus 10 Grad. Der perfekte Schutz im Gebirge.

 

   Der Reißverschluss glitzerte. Noch einmal sah Simon sich um. Er war allein. Dann blickte er in den nächtlichen Himmel, dessen Wolkendecke gerade aufriss. Sterne leuchteten am Himmel. Ob das Christkind an ihn gedacht hatte?  

   Er kroch in den Schlafsack, fühlte sich wie auf Daunen gebettet. Seine Arme, die er sonst vor der Brust verschränkte, ließ er locker sinken. Wärme! Sie breitete sich in seinem Körper aus. Nur an der Nase kitzelte ihn die Kälte ein wenig. Kein Vergleich zu vorher! Simon schlief ein. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.

 

                                                    *

 

Thomas stellte den Wagen erneut dort ab, wo er ihn heute Nachmittag geparkt hatte. Der ganze Seitenstreifen war nun leer. Hier musste es passiert sein. Hier hatte er die Tüte mit Werners Geschenk auf das Autodach gelegt. Dann kam Sandras Anruf. Sie plauderten ein wenig. Als ihm kalt wurde, stieg er in das Auto, schaltete die Heizung an, fuhr los.

   Thomas blickte sich suchend um. Keine Tüte. Er ging in die Hocke, suchte die angrenzenden Sträucher ab, spähte hinter die kahlen Baumstämme. Nichts. Er stieß einen Fluch aus. Die fast dreihundert Euro, die der Schlafsack gekostet hatte, konnte er vergessen. Sandra musste einen Gutschein schreiben.

   Noch einmal wandte er den Kopf. Die Stadtmauer machte einen Knick. Und genau dort, am Fuße der roten Sandsteine, blieb sein Blick haften. Angestrengt sah er in das Dunkel. Ein Schachtdeckel ragte hier hoch. Da lag jemand. Ein Penner. Kartons um ihn herum. Glänzte da nicht etwas silbrig? Thomas ging ein paar Meter auf den Mann zu. Vorsichtig setzte er einen Schritt vor den anderen. Es war glatt. Das würde ihm jetzt noch fehlen, sich die Knochen zu brechen.

   Der Penner schlief tief und fest. Zumindest zeigte er keine Reaktion, als Thomas direkt neben ihm stehen blieb. Kein Zweifel, der Mann lag in seinem Schlafsack. Wenn seine Frau den Schlafsack gleich waschen würde, könnte dieser bis zum zweiten Weihnachtstag trocken sein. Und sein Freund würde nicht nur einen Gutschein bekommen.

   »He da, aufwachen!«, forderte Thomas den Mann auf.

   Der zeigte keine Reaktion, schlief tief und fest. Ein lauschiges Plätzchen hat sich der Penner da eingerichtet, dachte Thomas, und betrachtete grimmig das Gesicht des Mannes. Der Penner lächelte im Schlaf, und in dem Moment, als das Thomas erkannte, entspannten sich auch seine Gesichtszüge. Er stand auf, zuckte mit den Schultern, ging zu seinem Wagen und stieg ein.

 

                                                       *

 

Die Sonne weckte Simon auf. Für einen Moment wähnte er sich in einem Traum. Konnte es denn wirklich sein, dass er nicht fror? Er blinzelte und richtete sich auf. Vor ihm lag eine große, leere Tasche. Als er sie anhob, fiel ein Kassenbon heraus. Er las. Der Bon gehörte zu dem Schlafsack, dessen wollige Wärme ihn immer noch umschlang.

   Da hat es jemand besonders gut mit mir gemeint, dachte er, als er den Preis sah. Er stockte, las den Bon ein zweites Mal. Es gab keinen Zweifel.

   »Es bediente Sie Herr Sebald «, stand da geschrieben.

 

 

Druckversion | Sitemap
© Michael Kress