Michael Kress
Michael Kress  

Mitgemacht

Manchmal sind es nur kurze Szenen, die einem in den Sinn kommen. Noch ohne eine Geschichte zu sein, noch ohne einen roten Faden. Ich notiere sie dennoch, denn manchmal, oft Jahre später, geht beim durchlesen der Notiz plötzlich die Saat auf und die ganze Geschichte ist da.

 

Wer mag, darf hier weiterspinnen und mir gerne das Resultat zusenden.

 

 

 

                           Paule

 

 

Der Eisenbahnwaggon stand immer noch, die Farbe ein bisschen mehr verblasst, die Sträucher um ihn herum ein wenig größer. Ich ging über die Grünfläche und achtete dabei auf jeden Schritt, denn überall lagen Metallteile, Drähte und ähnliche Stolperfallen. Tretminen hatte sie Paule immer genannt. Oder: „Wer meint sich anschleichen zu können, den holt der Draht.“

   Zwei Jahre lag mein letzter Besuch zurück, zwei Jahre, die mein Leben gründlich durcheinandergewirbelt hatten. Hier hatte alles begonnen. In den Wochen und Monaten, wo ich täglich hier vorbeikam. Gleich nach dem Abbruch des Studiums. Ich hatte Zeit, viel Zeit, und mein Leben glich einer Spielkugel, die im Kreis herumeierte, weil der Schwung nachließ.

   „Frag doch mal den Paule“, hatte Martin, der Imbissbudenbesitzer angeregt. Er wusste vieles von mir, den auch ein nicht mehr studierender junger Mann hat Hunger und gesunde Ernährung lag mir so fern, wie der Mars der Erde. „Der Paule weiß immer einen Rat.“

   Und dann hatte er mir den Weg zu dem Waggon erklärt, gleich um die Ecke. Es war nicht weit, denn der Duft nach Frittenfett lag noch in der Luft. „Der Paule wohnt in einem alten Interregio“, hatte er weitererzählt. „Zweiter Klasse.“

   Martin betrieb immer noch seinen Imbiss, nur Paule, der sei weg. Einfach so verschwunden, als sei er in ein Loch gefallen. Vor über einem Jahr.

...

 

 

 

Der Pianospieler

 

Jemand dimmte das Licht und signalisierte so, dass die Zeit des Abendessens vorbei war. Er nahm seine Whiskeyglas zur Hand, nahm einen kleinen Schluck und stellte es behutsam zurück auf das Spitzendeckchen, das obenauf seines Klaviers stand. Nur einen kleinen Schluck, denn der Abend war noch lang.

   Seine Hände ruhten auf den Tasten, und nach einem tiefen Atemzug begann er, eine Melodie zu spielen. Früher hatte er ein festes Programm, war mit Moon River gestartet, und hatte dann die Klassiker, wie Perlen aneinandergereiht, heruntergespielt. Früher. Da hatten sie ihm auch noch zugehört, oder zumindest hatte er das so empfunden. Heute klimperten die Gläser, stockten keine Gespräche. Genauso gut hätte die Musik aus Lautsprechern kommen können, aus dem Radio.

   Nur vereinzelt applaudierte mal ein Herr im Anzug, jovial, kopfnickend und garniert mit einem Bravo. Um sich gleich darauf wieder ernsten Businessgesprächen zu widmen. Wie wenn man kleinen Kindern sagte, dass hast du gut gemacht. Er war kein kleines Kind. Die Damen, in ihren Abendgarderoben, mit tiefen Ausschnitten, gepuderter Haut, applaudierten meist zurückhaltend. Bei manchen klimperte der Schmuck und er fühlte sich an die Beatles erinnert, als diese vor dem englischen Königshaus gespielt hatten. Die Damen mögen nach Lust und Laune mit ihrem Schmuck klimpern, hatte ihnen John Lennon auf den Weg gegeben. Auch die Damen verloren schnell jedes Interesse an ihm, schlürften wieder aus ihrem Cocktail und hinterließen Lippenstift auf ihren funkelnden Gläsern.

   Früher hatte er die Gäste animiert, ihm Musikwünsche zu nennen. Das hatte er längst aufgegeben, denn oft kam überhaupt keine Reaktion und er saß dann da, wie jemand, den man vergessen hatte.

   Die Plätze in der Hotelbar füllten sich langsam. Die Damen hatten ihre ihre angepasst und waren abendgerecht gepudert. Für manche Gäste war die Zeit nach dem Abendessen dem Sex vorbehalten. Wie er von Hotelangestellten wusste, traf dies besonders auf die mittleren Jahrgänge zu. Nach dem Barbesuch hatten die Männer oft zu viel Alkohol intus.

   In der Ecke nahm eine Frau Platz und kurz trafen sich ihre Blicke. Ihm schien, als nicke sie ihm zu, aber da konnte er sich auch täuschen.

   Er griff wieder nach seinem Whiskey, nippte daran und stellte ihn zurück. Joe an der Bar, das war sicher, würde ihm ein frisches Glas bringen, wenn es an der Zeit war. An manchen Abenden trank er mehr, an manchen weniger. Heute könnte es mehr werden. Joe enthielt sich jeder Kritik. Er mochte ihn, fühlte sich mit ihm verbunden. Der musste sich Abend für Abend die Sorgen und Nöte der Gäste anhören, musste so tun, als interessiere ihn das Selbstbeweihräuchern der Manager, die wie ein Prediger ihre Erfolge herunterleierten.

...

 

 

 

 

 

 

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