Michael Kress
Michael Kress  

Dramen, in der Kunst und im Leben

Bayreuth ist die Stadt der der Wagner Festspiele. Jahr für Jahr werden hier dessen Dramen inzeniert. Am Rande dieser gesellschaftlich hoch angesehenen Dramen spielen sich, zumindest in der Fantasie des Autors, kleinere Dramen ab. Von einem soll hier berichtet werden.

 

Diese Geschichte ist auch beheimatet in "Kulinarische Morde" des Wellhöfer Verlages.

 

 

 

Kontrahenten in Bayreuth

 

 

Die beiden Redakteure des Bayreuther Tagesboten wussten, dass dieses gemeinsame Abendessen in dem Viersternerestaurant vergebliche Liebesmüh war. Ein letzter Versuch, sich gütlich zu einigen. Aber keiner würde dem anderen den Vortritt lassen. Jeder wollte das Interview mit dem weltbekannten Stardirigenten Wolf von Hagen führen. Der verweigerte sich seit Jahren der Presse, scheute sie wie ein Kind den Zahnarzt. Doch machte von Hagen jetzt eine Ausnahme, weil ihn mit dem Chef und Noch-Chefredakteur Friedrich Mühelos, eine Freundschaft verband. Sie hatten zusammen die Schulbank gedrückt.

Ansgar Spiegel, der Leiter der Kulturredaktion, schnitt gerade das Fleisch seines Tafelspitzes in kleine, mundgerechte Stücke.

»Das Interview ist ein Donnerschlag für die Musikwelt. Ein berühmter Dirigent gehört einfach in den Kulturteil. «

Schmatzend schüttelte Ruben Rothmann seinen Kopf und erwiderte, als er endlich den Mund frei hatte: »Herr von Hagen ist ein Sohn unserer Stadt. Natürlich gehört er in den Lokalteil. «

Eine Zeitlang aßen die beiden schweigend weiter. Jeder zermarterte sich das Gehirn auf der Suche nach Argumenten. Es ging ja nicht nur um dieses Interview. Bald würde Mühelos von seinem Posten zurücktreten, würde die Stelle des Chefredakteurs frei werden. Ganz abgesehen davon waren die Redakteure glühende Verehrer des Dirigenten und berühmten Bayreuthers.

Rothmann, der die letzte Kartoffel durch die Meerrettichsauce zog, beugte sich vor.

» Glauben Sie mir, von Hagen würde viel lieber mit mir reden. Ich bin ja nun auch nicht gerade der Schlankeste, und von Hagen mag es nicht, wenn er auf seine Leibesfülle hingewiesen wird. Genau das wird passieren, verzeihen Sie, werter Kollege, wenn ein Strich wie Sie ihm gegenübersteht. Uns schmeckt es eben. « Rothmann wischte sich mit einer Serviette über den Mund und kam noch näher heran. » Sie stochern nur in ihrem Essen herum. Schmeckt es Ihnen nicht? Mein Tafelspitz war vorzüglich. «

» Das Wohl des Dirigenten liegt mir ebenso am Herzen. Und darum denke ich auch, dass ich genau der Richtige für das Interview bin«, konterte Ansgar Spiegel. » Bitte, verzeihen Sie mir meine Offenheit, Sie sind zwar dick, aber ein Weinkenner sind Sie nicht gerade. Für Sie macht es keinen Unterschied, ob da ein Chateau Lafite Rothschild oder ein Wein aus dem Tetrapack im Glas funkelt. Herr von Hagen gilt als versierter Weinkenner und sammelt drüben in Kalifornien die edelsten Weine. «

» Wollen Sie mit ihm etwa zur Weinprobe gehen? «

» Warum nicht? Das zeugt doch nur davon, dass ich seine Leidenschaft teile, dass ich ihn ernst nehme. «

Sie tauschten noch ein paar weitere Argumente aus, höflich, aber bestimmt, und kamen am Ende überein, dass Chefredakteur Friedrich Mühelos eben nächsten Montag entscheiden sollte,  wer von ihnen das Interview führen durfte.  Den Rest des Essens hing jeder seinen Gedanken nach. Beide sahen der Entscheidung ihres Chefs gelassen entgegen, denn beide hatten beschlossen, selbst schon zuvor für eine Entscheidung, natürlich zu ihren Gunsten, zu sorgen. Am Samstag, wo es anlässlich 125 Jahre »Bayreuther Tagesboten«, einen festlichen Empfang geben sollte. War es Zufall, dass beide Kontrahenten den gleichen Einfall hatten? Schon des Öfteren war in den Redaktionskonferenzen über die sogenannten KO-Tropfen gesprochen worden. Diese wurden zumeist eingesetzt, um junge Frauen willenlos zu machen. Eine andere Variante war, später jemanden ausrauben zu können. In Bayreuth sollte erst letzte Woche eine versuchte Vergewaltigung auf diese Weise stattgefunden haben.  Das vermeintliche Opfer war jedoch erst einen Tag später zur Polizei gegangen, und da ließen sich KO-Tropfen leider nicht mehr nachweisen. Dafür zeigten sie innerhalb kürzester Zeit Folgen. Den Opfern wurde schlecht, was sie zumeist auf den zuvor reichlich genossenen Alkohol zurückführten. Die Übelkeit steigerte sich, bis dann irgendwann der endgültige Zusammenbruch kam. Alles hing von der Dosierung ab?

Natürlich lasen sich die beiden Redakteure noch gründlich in die Materie ein. Beide zählten auf die Spätfolgen, wonach die Opfer noch etliche Tage hinterher über Mattigkeit klagten, kraftlos und irgendwie verkatert waren. Auf jeden Fall in einem Zustand, in dem sie nicht vernünftig arbeiten, geschweige denn ein wichtiges Interview führen konnten. Dazu kam als weiterer erfreulicher Nebeneffekt, dass die Tropfen für Erinnerungslücken sorgten. Die reichten bis in die Zeit vor der unerwünschten Einnahme. Betroffene konnten sich also weder daran erinnern, mit wem sie die Zeit unmittelbar zuvor verbracht, noch was sie getrunken oder gegessen hatten.

 

Rothmann und Spiegel trugen jeder ein kleines Fläschchen bei sich, als sie am Jubiläumsempfang Ihrer Zeitung erschienen. Beide warteten geduldig, bis das Buffet eröffnet wurde. Rothmann ließ sich nur ein Glas Rotwein geben, das er gedachte, seinem Kollegen der Kultur anzubieten. Es war zwar kein Chateau Lafite, aber auch kein billiger Fusel. Spiegel wiederum lud sich zwei Kaviarschnitten auf einen Teller und wollte diese erlesenen Speisen seinem Kollegen aus der Abteilung Lokales überreichen. Beide verschwanden zuvor unbeobachtet aus dem Saal und zogen sich in angrenzende Räume zurück, wo sie ungestört zur Tat schritten.

Währenddessen erschien Chefredakteur Friedrich Mühelos und sorgte für viele » Ah`s« und » Oh`s«, denn als Überraschungsgast folgte ihm der Stardirigent Wolf von Hagen, der doch eigentlich erst am Montag in der Stadt erwartet worden war. Friedrich Mühelos brauchte ihn nicht vorzustellen. Jeder kannte den Mann von zahlreichen Titelbildern oder von den Covern der Klassik-CDs.  Die Freundschaft zwischen dem Chefredakteur und dem Star war wohl doch tiefer, als viele dachten. Wolf von Hagen lächelte gönnerhaft in die Runde und schüttelte die Hände des Bürgermeisters und anderer Würdenträger, die ihn umringten. Da entdeckte er das riesige Büfett, mit dem ihm Friedrich Mühelos zum Kommen überredet hatte.  Die kleinen Augen des Dirigenten blinzelten vergnügt, und schon schritt er voran.  Ehrfürchtige Stille begleitete seine tänzelnden Schritte, vorbei an den Stehtischen. Ein Hauch von Mailänder Scala, Wiener Staatsoper und der Met. umwehte ihn. Hier und da klatschte jemand, den meisten blieb jedoch nur ein zustimmendes Nicken oder ein mit vollem Mund versuchtes Bravo, weil sie In den Händen Teller und Gläser hielten. Einer der Gäste stampfte stattdessen mit den Füßen auf, was natürlich sofort ein paar Nachahmer fand. Wolf von Hagen störte das nicht. Im Gegenteil, es schmeichelte ihm.

 

Seine Nasenflügel bebten wie bei einem Fuchs, der eine Witterung aufnahm. Fast gleichzeitig betraten Rothmann und Spiegel, wenn auch durch die entgegengesetzten Türen, den Saal. Lokal, also Rothmann, hielt das Glas mit dem präparierten Rotwein in den Händen, Kultur, also Spiegel, balancierte sein Tablett mit den präparierten Kaviarbrötchen. Beide waren etwa gleich weit vom Stardirigenten entfernt, der abwechselnd nach links und rechts lächelnd Richtung Buffet schlenderte. Die Gespräche rings herum wurden wieder aufgenommen. Chefredakteur Friedrich Mühelos folgte mit ein paar Metern Abstand seinem Freund. Schulterklopfer hatten ihn aufgehalten.

Rothmann und Spiegel waren auf von Hagen fixiert, beide trachteten danach, als erster dem Stardirigenten genüberzustehen.  So eilten sie der Katastrophe entgegen, die sich bald ereignen würde. Der Dirigent fixierte bereits das Büfett, als ihm Rothmann und Spiegel den Weg versperrten. Er sah sie an. Nicht gerade freundlich. Doch sogleich hellten sich seine Gesichtszüge auf, als er des Weines und der Häppchen ansichtig wurde, die ihm die Fremden entgegenstreckten.

 »Zu gütig«, flötete er und griff danach. Vor den Augen von Rothmann und Spiegel verschlang er die Schnittchen und leerte das Glas in einem Zug. Die beiden Redakteure standen da, totenbleich und mit aufgerissenen Augen, öffneten ihre Münder und brachten dann doch keinen Ton hervor. Der Dirigent reichte Teller und Glas zurück und wandte sich dem Büfett zu.  Schnell war ein Teller gefunden. Schnell türmten sich darauf Käse, Lachsbrötchen und kalter Braten. Mit einem Male aber erstarb von Hagens Lächeln. Er hielt mitten in der Bewegung inne. Warum war ihm plötzlich so schlecht? Es musste der Kassler Braten vom Mittagessen sein, dachte er. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er schluckte. Ein Mal. Ein zweites Mal. Schüttelte dann energisch den Kopf und ging daran, weitere Speisen auf seinen Teller zu türmen. Er musste nur etwas essen, dann würde es schon wieder gehen, sprach er sich Mut zu. Dann begannen seine Hände zu zittern. Sein Magen zog sich zusammen. Von Hagen fühlte sich wie auf den Planken eines Ozeanriesen bei schwerer See. Mit der freien Hand suchte er nach etwas, woran er sich festhalten könnte. Allein die beiden Redakteure, die ihn so blöde mit offenen Mündern anstarrten, waren zu weit weg. Er stellte seine Beine weiter auseinander und gewann so für einen Moment wirklich besseren Halt. Dann schien ihm das Büfett entgegenzukommen.

Herr im Himmel!

Tränen verschleierten seine Augen, die ein letztes Mal flackernd über die Speisen sahen. Er sollte davon nichts mehr verköstigen. Wie ein gefällter Baum fiel er mitten hinein in das. Büfett. Käsestückchen, garniert mit Fähnchen, flogen durch die Luft, Oliven hinterher. Der Tisch gab nach und von Hagen wurde unter einer  Lawine von Tellern, Käsescheiben, Gürkchen und Trauben begraben.  Rothmann und Spiegel standen wie zu Salzsäulen erstarrt daneben. Angeführt von Friedrich Mühelos gingen ein paar Männer daran, den Stardirigenten auszugraben. Doch der war bereits für immer der Musikwelt verlustig gegangen.

»Heimgekehrt, um zu sterben«, titelte am nächsten Tag der Bayreuther Tagesbote in seiner Sonntagsausgabe.

Wenn zwei sich streiten, so leidet zuweilen ein Dritter.

 

Den Posten des Chefredakteurs bekam keiner der beiden. Zu sehr hatte Ihnen der tragische Tod des Meisterdirigenten, man sprach von einem Herzinfarkt, zugesetzt. Ansgar Spiegel wechselte zu einem Anzeigeblatt eines Einkaufszentrums und Ruben Rothmann zum Mitteilungsblatt einer Kleinstgemeinde irgendwo im Mittelfränkischen. Dort waren sie wahrscheinlich konkurrenzlos.

 

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