Michael Kress
Michael Kress  

Beatles oder Stones - oder beide?

Gab oder gibt es den Streit zwischen den Fans der Beatles und der Rolling Stones wirklich? Beide Bands haben etwas einzigartiges, warum also nicht beide?

 

Diese Geschichte ist nachzulesen in "Nürnberg auf die kriminelle Tour". Der Wellhöfer Verlag lädt ein.

 

 

 

                           Ein perfekter Mord

 

 

Sie saßen zu dritt in der Wohnung. Zwei Männer und eine Frau. Es war früh am Tag. Von ihrem letzten Raub, besser dem Erlös daraus, hatten sie noch etwas Geld übrig. Und jetzt saßen sie zusammen, um neue Taten auszuhecken.

»Dein Handy nervt«, brummte Andi mitten in das zweite Halleluja hinein, das aus Rainers Hosentasche ertönte. Der fischte das Handy heraus, stellte es stumm und musterte Andi. Wieder so ein Zeichen wachsender Feindseligkeit, dachte er. Das war erst in letzter Zeit so. Genaugenommen seitdem sie Monika in dem Plattenladen in der Südstadt kennengelernt hatten. Rainer sammelte leidenschaftlich Beatles-Platten, Andi die Platten der Rolling Stones.

Beide buhlten um Monika. Nicht nur, dass sie ebenfalls Platten sammelte, war sie auch schnell eine Hilfe bei Einbrüchen geworden, kundschaftete Objekte aus oder stand Schmiere. Und sie half beiden Männern in deren Junggesellenhaushalten.

Jetzt saß sie da und lackierte ihre Fingernägel. Sie hatte ihren nichtssagenden Blick aufgesetzt. Eine Art Standby-Modus, denn sie gerne verwendete, als ginge sie alles nichts an.

»Ich kenne den perfekten Mord«, durchbrach Andi das Schweigen. Monika sah kurz auf und rollte ihre Augen.

»Das dachten schon viele«, sagte Rainer. »Am Ende wurden alle erwischt.«

»Der perfekte Mord«, wiederholte Andi.

»Hmmh«, machte Rainer. »Wenn willste denn umbringen?«

»Niemand. Aber wenn es einmal so weit ist, dann weiß ich, wie ich es anstellen muss.«

»So ein Blödsinn«, sagte Monika und rollte erneut die Augen. Ihr Einspruch gefiel Rainer sehr. Zuletzt hatte er den Eindruck gewonnen, ihr gefalle mehr und mehr das, was Andi von sich gab. Der starrte auf Monikas Busen, dann wandte er sich zu Rainer und blickte diesen schief an. Mit einem vielsagenden Blick. Das gefiel diesem gar nicht.

»Was brauchen die Bullen für einen Mord? «, fuhr Andi fort.

»Einen Täter«, sagte Rainer.

»Früher.«

»Eine Leiche.«

»Bingo!«, lobte Andi.

»Bingo was?« Jetzt rollte Rainer die Augen. Monika hatte längst ihre Ohren wieder auf Durchzug gestellt.  

Andi rückte näher Rainer heran. »Wenn die Polizei keine Leiche hat, dann hat sie…?«

»Ein Problem«, ergänzte dieser.

»Mann! Bist du so dumm oder tust du nur so? Dann…«. Andi hob seine Stimme. »Dann gibt es keinen Mord. Die Kunst besteht darin, die Leiche richtig zu entsorgen. Verstehste? Das Opfer verschwindet einfach von der Bildfläche.«

»Und wie soll das einfach gehen?«, warf Rainer ein. »Willst du deine Leiche in Salzsäure auflösen?«

»Vergraben«, gab er zur Antwort und entblößte dabei grinsend seine schlecht gerichteten Zähne.

»Wie originell«, spottete Rainer. »Werden nicht alle Leichen begraben?«

»Meine Leiche würde ich als Untermieter eines frisch Verstorbenen unterbringen.« Jetzt schüttelte Andi sich vor Lachen, klopfte begeistert auf seine Schenkel und tätschelte dann Monikas rechtes Knie. Die zwinkerte ihm zu.

»Ha, Ha!«, sagte Rainer und legte seinerseits eine Hand auf Monikas linkes Knie.

Die schob beide Hände zur Seite.

»Ich habs, Jungs«, frohlockte sie. »Wir holen uns ein paar der Bronzeepitaphien vom Johannisfriedhof.«

»Was?«, fragte Andi. Rainer sah nicht weniger überrascht aus.

»Der Johannisfriedhof gilt als einer der bekanntesten Friedhöfe. Da liegen Albrecht Dürer, Veit Stoß und andere Berühmtheiten begraben. Und die Gräber werden von sogenannten Epitaphien geschmückt, die besonders wertvoll sind.«

»Wer soll denn so ein Zeug kaufen?«, wandte Rainer ein.

»Reiche Sammler. Ganze Busladungen von Touristen haben den Friedhof bereits besucht. Ich habe das schon öfters gesehen, wohne ja gleich um die Ecke«, erklärte Monika.

Jetzt strahlten beide Männer Monika um die Wette an, auch wenn sie immer noch darüber nachdachten, ob das wirklich so lohnendes Diebesgut sei. Aber keiner wollte bei Monika den Kürzeren ziehen.

»Mal was anderes«, sagte Andi und blickte gedankenverloren seinen Freund an. Der konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, Andi brüte irgendetwas aus. Aber kam ihm da nicht selbst ein Gedanken in den Sinn? Er würde auf jeden Fall auf der Hut sein.

 

Monika war es, die das Werkzeug besorgte. Für Rainer ein Stemmeisen, für Andi einen Hammer. Sie besuchte auch mehrmals den Johannisfriedhof und zeichnete eine Skizze. In Sichtweite der Arkaden, am hinteren Ende des Areals, seien besonders lohnende Objekte.

Kurz vor Mitternacht standen sie zur letzten Lagebesprechung auf dem Parkplatz des Johannisfriedhofs zusammen. Sie sollten aufpassen, warnte sie Monika, dass sie nicht in eine offene Grube fielen. Demnächst stand wohl eine Beerdigung an. Die Männer quittierten diesen Hinweis mit einem brütenden Schweigen.

»Jetzt möchte ich eure Handys haben«, forderte Monika. Und als die Männer zögerten, fügte sie hinzu: »Ich will sicher gehen, dass sie nicht klingeln, wenn ihr euch an den Gräbern zu schaffen macht. Oder habt ihr schon vergessen, was draußen bei den Schrebergärten passiert ist. Ehrlich, eure Handys sind besser als manche Alarmanlage.«

»Schon gut«, murmelte Andi.

»Meinetwegen« brummte Rainer.

»Wenn Bullen auftauchen, schalte ich zur Warnung einen Klingelton ein«, sagte Monika.

Kurz darauf kletterten beide Männer über die Mauer. Monika hörte, wie sie auf der anderen Seite aufschlugen. Ihre Hände steckte sie in die Manteltaschen, in jeder Hand hielt sie ein Handy. Stones oder Beatles. Warum nicht beide, dachte sie vergnügt.

 

Die Männer liefen gebückt durch die eng beieinander liegenden Grabreihen. Rainer presste das Stemmeisen gegen seine Brust, Andi hielt den Hammer fest umklammert.

»Da entlang«, keuchte Rainer und lief voraus. Er achtete sehr genau darauf, dass ihm Andi nicht zu nahekam. Abrupt blieb er stehen, als vor ihm ein schwarzes Loch auftauchte.

»Mann! Da wäre ich beinahe hineingefallen, fluchte er leise.

Sie liefen weiter bis zu den Arkaden. Dort holte Rainer eine Taschenlampe aus seiner Jacke und leuchtete damit auf den Lageplan.

»Wie wäre es damit? «, fragte Andi und deutete auf eine Engelsstatue, die mit erhobenem Arm in der Ecke stand.

Rainer drehte sich um. Dabei kam er ins Straucheln. Scheppernd fiel die Taschenlampe auf die Steinplatten und zerbarst in tausend Teile. Leise fluchend ging er in die Hocke und sammelte die Bruchstücke ein. Ein Schatten ließ ihn herumfahren. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, dass Andi mit erhobenem Hammer auf ihn zukam. Rainer wich dem Schlag aus.

»Was hast du vor?«, fragte er keuchend.

»Wonach sieht es denn aus?«, knurrte Andi, der jetzt ein Stück zurückwich. »Einer von uns ist Zuviel«, fuhr er fort.

»Und dann habt ihr euch das ausgedacht?«, zischte Rainer. »Du und Monika. Du bekommst sie und sie meine Platten.«

»Quatsch«, widersprach Rainer. „Monika ahnt nichts davon. Aber klar ist, das demjenigen von uns, der übrigbleibt, nichts mehr im Weg steht.«

Rainer sprang vor, das Stemmeisen wie ein Schwert haltend. Andi wich zur Seite aus und hieb dann mit dem Hammer nach Rainer, der nach hinten taumelte, den Halt verlor und auf den Boden fiel. Unmittelbar vor der Grube.

Andi kam böse grinsend auf ihn zu, schwang den Hammer über seinen Kopf und holte zum finalen Schlag aus. Rainer rollte zur Seite, was nun, nachdem sein Schlag ins Leere ging, Andi straucheln ließ. Mit nach oben geregtem Stemmeisen rollte Rainer zurück und Andi fiel vornüber auf ihn drauf, stöhnte kurz auf und kippte weg. Das Stemmeisen stak in seiner Brust.

Nach einer Weile rappelte sich Andi hoch und sah in die glasigen Augen seines Freundes. Er zitterte am ganzen Leib. Schritte ließen ihn hochfahren.

»Hast du ihn umgebracht«, fragte Monika, die jetzt direkt hinter ihm stand. Wäre er nicht atemlos gewesen, so hätte er geschrien

»Was machst du denn hier?«, fragte er stattdessen immer noch keuchend.

»So kann er nicht liegen bleiben«, stellte sie fest. »Aber es dürfte nicht schwer sein, ihn loszuwerden.« Dabei sah sie zum offenen Grab.

Rainer nickte bejahend. Der perfekte Mord, dachte er. Es würde keine Leiche geben. Monika lief davon.

»Wohin gehst du? «, rief ihr Rainer gepresst nach. So ein Friedhof bei Nacht war schön gespenstisch, und er wollte nicht allein mit Andis Leiche bleiben.

»Psst!« machte Monika nur. Kurz darauf kam sie zurück. In der einen Hand hielt sie einen Spaten, in der anderen eine Gießkanne. Sie reichte ihm den Spaten.

»Du musst das Loch tiefer machen.«

Rainer bewunderte ihre Kaltschnäuzigkeit und sprang in die Grube. Der Boden dort war weich. Schnell hatte er fünfzehn Zentimeter ausgehoben. Er kletterte hoch. Monika hatte mittlerweile Andi nahe an das Grab gezogen und ihm das Stemmeisen aus der Brust gezogen. Dort wo die Leiche gelegen hatte, schimmerte das Gras feucht.

»Ich habe sein Blut weggewaschen«, erklärte sie.

Zu zweit ließen sie Andis Leichnam ins Grab plumpsen. Rainer schaufelte die frische Erde hinterher.

»Warte«, sagte Monika und stieg noch einmal hinunter, beugte sich vor und legte das Stemmeisen ab. Mit den Füßen trampelte sie dann die Erde glatt.

Als sie wieder herauskletterte, blickte sie zufrieden drein.

»Lass uns hier verschwinden«, sagte sie.

 

Am nächsten Morgen belauerte Rainer eine Beerdigung. Er folgte dem Trauerzug, der dann vor dem Grab stehen blieb, in dem Andi lag. Gedankenverloren lauschte er den Worten des Pfarrers. Es war schließlich auch Andis Beerdigung. Er hielt sich etwas abseits.

Mitten hinein in die Rede des Pfarrers erklang ein Handy. Halleluja, Halleluja. Erschrocken tastete er seine Hosentaschen ab. Nichts. Dann fiel ihm ein, dass Monika das Handy hatte. Suchend blickte er sich um. Von Monika keine Spur.

Er zuckte erneut zusammen, als ein weiteres Halleluja ertönte. Irgendwie gedämpft. Dann standen ihm die Haare zu Berge, als er sah, wie die Trauergemeinde dicht an das Grab herangetreten war und hinabblickte.  

Einer der Männer sprang beherzt in die Grube. Für einen Moment war es still. Dann erschien der Mann wieder.

»Da unten liegt schon einer«, sagte er.

Die Polizei kam zwei Stunden später und holte Rainer ab. Sein Handy hatte sie zu ihm geführt und auf dem Stemmeisen befanden sich seine Fingerspuren. Im Gefängnis wartete er vergebens auf einen Besuch Monikas. Stattdessen kam eine Postkarte. »Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, zwischen den Beatles und den Stones. Jetzt habe ich beide«.

 

 

 

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