Michael Kress
Michael Kress  

Vorbilder

Da gibt es scheinbar moralische Institutionen, die uns leiten sollen. Die uns Halt geben, wenn um uns herum alles in Unordnung zu versinken droht. Ich schrieb "scheinbar", da leider manche dieser Organisationen kläglich versagen.

 

Leider gehören die Amtskirchen in Deutschland dazu. Sie predigen zwar christliche Werte, halten sich selbst aber nicht daran. Und auch ihre Mitgleider handeln nicht immer nach den selbst vorgegebenen Regeln.

 

Hier eine der wenigen, sehr autobiografisch eingefärbten Geschichten. Sie ist nachzulesen in "Blicke in den Spiegel - Geschichten wie gemalt."

 

 

 

                           In der Kirche

 

 

 

Peter Brehm saß in der Kirche auf einer der Holzbänke. Mit beiden Händen hielt er einen Besenstiel umschlossen. Seine Füße baumelten herunter. Im Nacken spürte er warm die Sonnenstrahlen, die durch die bunten Scheiben hereinschienen.

»Bist du müde?«, fragte seine Mutter. Sie lief Reihen vor ihm durch die Bänke und wischte den Boden.

»Ein bisschen. Ich mache gleich beim letzten Block weiter.«

»Prima!«, lobte ihn die Mutter. Sie trug einen abgetragenen Schürze mit Blümchenmuster. Ihre Unterarme glänzten nass, auf der Stirn standen ihr Schweißtropfen.

Peter sah hinauf zum übermächtigen Kupferkreuz, das hinter dem steinernen Altar an der weißen Wand hing. Jesus hatte den Kopf zur Seite geneigt und seine Dornenkrone war ihm in die Stirn gerutscht. Er ist müde, dachte Peter.

In den Sommerferien begleitete er fast jeden Tag seine Mutter zum Reinemachen in die Kirche. Die Kirche war groß und bot in vier Sitzblöcken dreihundert Gläubigen Platz. Links oben, auf einer Empore, stand die Orgel. Ihre Pfeifen glänzten, ihr Holz war in verschiedenen Blautönen eingefärbt. Manchmal, wenn sie putzten, übte der Organist und die Musik brauste durch die leere Kirche. Dann gefiel Peter das Orgelspiel viel besser als sonntags während der Messe. Die Decke bestand aus hellen, ineinander verschachtelten Holztafeln. Peter musste seinen Kopf in den Nacken legen, um sie sehen zu können. Blickte er längere Zeit hinauf, verschwammen die Konturen des Holzes mehr und mehr, die Decke schien höher und höher zu werden.

Für einen allein fand Peter die Kirche viel zu groß zum Putzen. Ständig war irgendetwas zu tun. Ihn machte es ein bisschen stolz, dass er seiner Mutter helfen konnte. Und so war er nicht neidisch auf seine Klassenkameraden, die in Italien oder Spanien Urlaub machten. Zu Hause saß sein Vater in seiner Sofaecke. Er hatte nur ein Bein, konnte nicht allein gehen und saß den lieben langen Tag im Wohnzimmer, las Zeitung oder sah fern. Und weil seine Rente nicht ausreichte, musste Mutter arbeiten.

»Peter, kommst du?«, rief seine Mutter. Er erschrak, als er sie beim letzten Reihenblock stehen sah, wo sie wischen wollte und er zuvor fegen sollte.

»Ja, ich komme.«

»Gut. Ich mache bei den Opferkerzen sauber.«

Peter fegte nun besonders eifrig. Vor diesem Block befand sich ebenfalls ein Steinaltar. Links davon stand eine Statue der Mutter Gottes und weiter links der große gusseiserne Kerzenständer. Seine Mutter kratzte mit einem alten Vespermesser Wachsreste vom Gestänge. Peter hörte, wie das Messer über das Eisen schabte und Wachsbrocken auf den Boden fielen. Nur wenige Kerzen brannten.

Peter hörte dumpf die große Eingangstür zuschlagen. Eine ältere, elegant gekleidete Dame betrat die Kirche, ging ein paar Schritte und kniete auf eine der Bänke. Die Frau trug eine Kette, deren Perlen glitzerten. Sie neigte den Kopf nach vorne und faltete die Hände zum Gebet. Verlegen wandte sich Peter ab und widmete seine Aufmerksamkeit dem Fegen.

Nachdem er alle Reihen durch war, ging er nach vorne zu seiner Mutter. Sie sammelte die losgelösten Wachsreste vom Boden auf.

»Ich bin fertig«, sagte Peter.

»Schön. Fege bitte zwischen den Kerzen. Pass auf, dass du dich nicht verbrennst. Wenn ich die Reihen durchgewischt habe, können wir nach Hause gehen.«

Die alte Frau stand auf und verließ die Kirche. Mit dir hat sie gesprochen, dachte Peter und sah dabei zum Kreuz hinüber. Als er mit Fegen begann, hörte er das Türschloss zur Sakristei. Ein Schlüssel wurde herumgedreht und das Geräusch hallte in der Kirche. Die Tür ging auf und heraus kam der Pfarrer. Er trug einen dunklen Anzug. In seiner linken Hand hielt er ein kleines Buch mit gelbem Einband. Damit ging er zum Hauptaltar und legte es ab. Erst dann entdeckte er Peter und ging auf ihn zu.

»Na«, sagte er zu Peter. »Hilfst du deiner Mutter?« Er strich ihm mit der Hand übers Haar. Peter nickte ehrfurchtsvoll.

»Guten Tag, Herr Pfarrer«, begrüßte seine Mutter den Geistlichen. Sie hielt den Eimer mit Putzwasser in der einen, den Schrubber in der anderen Hand.

»Guten Tag, Frau Brehm.« Er sah umher. »Letzten Sonntag gab es Beschwerden, dass es am Boden Flecken gegeben habe. Achten Sie ein wenig darauf.« Die Stimme des Pfarrers klang nicht ärgerlich, dennoch hielt Peter die Luft an.

»Die Putzmilch taugt nicht viel. Ich habe es im Pfarramt gesagt. Da müssen schlechte Eimer dabei gewesen sein«, sagte seine Mutter und sah dabei dem Pfarrer direkt in die Augen. Peter bewunderte den Mut seiner Mutter.

»Na ja«, sagte der Pfarrer leichthin. »Auf jeden Fall gab es Beschwerden, und das muss nicht sein.« Genauso gut hätte er sagen können, dass seine Mutter schuld sei. So hatte es zumindest für Peter geklungen.

Der Pfarrer verabschiedete sich und ging zur Sakristei hinaus.

Nachdem sie allein waren, kramte seine Mutter in ihrer Schurztasche.

»Gib das in die Opferkasse«, sagte sie zu Peter und gab ihm ein Zwei-Euro-Stück. »Darfst dir zwei Kerzen nehmen und sie anstecken. Sei aber vorsichtig.«

Er tat, wie ihm geheißen. Die Münze schepperte in die fast leere Opferkasse.

»Schimpft der Pfarrer oft, Mama?«, fragte er, als er mit den Kerzen hantierte und seine Mutter aufpasste, dass ihm nichts passierte.

»Manchen Leuten geht es zu gut. Die haben keine anderen Sorgen als den Dreck in der Kirche.«

Später gingen sie am Kreuz vorbei und Peter sah hinauf zu Jesus.

»Hat Jesus seiner Mutter beim Putzen geholfen?«

»Vielleicht«, sagte seine Mutter. Sie lächelte.

Peter schluckte zweimal, bevor er die nächste Frage stellte:

»Und hat dann auch ein Pfarrer mit ihr geschimpft?« Er fragte leise.    

»Lass nur«, meinte seine Mutter. »Lass nur.«

 

 

 

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