Michael Kress
Michael Kress  

Die Liebe - ein Traum

Zu Weihnachten passt eine Liebesgeschichte immer. Ein paar habe ich geschrieben, und hier stelle ich eine erstmals dem breiten Publikum vor. Die Geschichte ist noch nicht lektoriert, hat auch kein Korrektorat erfahren. Sie stammt aus 2006, ist also nicht mehr ganz druckfrisch.

 

Viel Vergnügen beim Lesen!

 

 

                Wer sucht, der ...
 

 

   Die Türen des Zuges schlugen mit einem lauten Knall zu. Kai Braungardt saß auf seinem Platz, außer Atem wegen der Hetze, aber glücklich, überhaupt einen Sitzplatz ergattert zu haben. Da störte auch der mürrische Nebenmann nicht, der mit seiner opulenten Gestalt eineinhalb Sitzplätze beanspruchte. 

   Gerade wieder zu Atem gekommen, stockte ihm dieser sogleich erneut. Sie hatte lange blonde Haare, trug eine rote Wollmütze und einen roten Schal, dazu eine weiße Angorajacke. Ihr Gesicht, leicht gerötet, war wie das Abbild einer Madonna. Fast wäre ihm die Kinnlade heruntergeklappt, ob dieses Anblickes, aber das wusste er gerade noch zu verhindern. Und jetzt sah sie ihn auch mit ihren tiefbraunen Rehaugen anlächelte und zeigte dabei strahlend weiße Zähne. „Perfekt!“  ging es ihm durch den Kopf. 

   Er schluckte erst einmal und sah aus dem Fenster, in Gedanken nach einem passenden Eröffnungssatz suchend. Endlich hatte er sich dieses Wort für Wort zurechtgelegt. Ein letztes Mal feuchtete er seine Lippen an, da sah er, dass das Mädchen in einem dicken Taschenbuch las. Er ließ den wohlvorbereiteten Satz erst einmal sein und versuchte stattdessen, den Titel des Buches auszuspähen. Das war kein leichtes Unterfangen, hatte sie das Buch doch auf ihrem Schoß liegen. Aber dann, als sie umblätterte, konnte er den Titel erkennen. Es war „Vom Winde verweht“ von Margaret Mitchell. Genau das hatte er noch nicht gelesen.

   Da fiel ihm wieder ein, dass er das Mädchen ja ansprechen wollte. Den ursprünglichen Satz hatte er vollkommen vergessen. Unverzagt bastelte er an einem neuen. Und gerade, als er Luft holte, um „Ist es spannend?“ zu fragen, stand der opulente Nebenmann auf und schaffte es beim Herunterholen seiner Mappe, sich zwischen ihn und das Mädchen zu stellen.  Allgemein herrschte eine Unruhe im Zug, die einen stiegen aus, die anderen ein. Anstelle des dicken Mannes kam eine ältere Dame, das Gesicht von einem dicken Schal verhüllt. Nur ihre stechenden Augen lugten daraus hervor.

   Der Verzweiflung nahe sah er erneut aus dem Fenster, wo ihn sofort verlockend das Spiegelbild des Mädchens erschien. Er gab sich einen Ruck, nahm allen Mut zusammen, wandte sich an sein schönes Gegenüber und fragte: „Ist es spannend?“ Dann wollte er nur noch vor Scham im Erdboden versinken.

   Das Mädchen lächelte verschmitzt und hob leicht irritiert die Hände. Das Taschenbuch war in ihrer Umhängetasche verschwunden, ohne dass er es gemerkt hätte, und nun hielt sie einen Fahrplan in den Händen.

    „Höchstens zwischen den Zeilen“, gab sie aber dennoch zur Antwort. „Aber ich lese gerne und viel.“  Sie lächelte, nein sie strahlte ihn regelrecht an, ohne ihn aber auszulachen.

   „Oh, ich lese auch sehr viel“, gab er zur Antwort, froh darüber, dass sie ihn nicht auslachte. Wieder schaute er aus dem Fenster und sah darin, wie das Mädchen ihn anschaute.

   „Es gibt viel zuwenig gute Bücher“, sagte sie. „Für ein paar Tipps wäre ich froh“

   Fieberhaft überlegte er, was er ihr empfehlen sollte. War sie mehr ein romantischer Typ. Liebte sie Krimis, oder gar Science-Fiction, was ihm selbst nicht so lag? Bestimmt aber mochte sie keine Seefahrerbücher.

   Seine Überlegungen wurden durch erneuten Trubel unterbrochen. Jetzt war der Zug in Bad Cannstatt. Nun war es die strenge Frau, die sich zwischen ihn und das Mädchen stellte. Und dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz, dass er ja auch aussteigen musste. Instinktiv griff er nach seiner Tasche, stand auf und zwängte sich durch die Menge. Gerade noch rechtzeitig schaffte er es auf den Bahnsteig. Die Türen schlugen zu und der Zug rollte an.

   „Du Idiot!“ schimpfte er sich. Sie hatte ihm eine Frage gestellt, eine goldene Brücke gebaut, und er war nicht in der Lage gewesen, ihr zu Antworten. Verzweifelt sah er dem anfahrenden Zug hinterher. Und dann sah er das Mädchen, wie es zu ihm herunterblickte und dabei lächelnd zuwinkte. 

  

   Den ganzen Tag über kramte er sich, eine Gelegenheit verpasst zu haben. Erst später am Tag kam langsam sein Optimismus wieder zum Vorschein. Sicher fuhr das Mädchen öfters mit dem Zug. Das hatten Berufspendler so an sich.

   Am nächsten Morgen stieg er voller Erwartung in den Zug. Im ersten Abteil sah er sie nicht. Auch nicht im zweiten und dritten. Den ganzen langen Zug durchlief er. Am Ende angekommen machte er kehrt und durchschritt nochmals alle Abteile. Nichts! Kein Mädchen und kein Sitzplatz.

   Dies wiederholte sich in den nächsten Tagen. Dann änderte er seine Strategie, fuhr mal einen Zug früher, mal einen später. Nichts! Obwohl er wie ein unruhiger Tiger jeden Zug durchsuchte. Ein Ohnmachtsgefühl beschlich ihn. Wie die berühmte Nadel im Heuhaufen.

    Er gab eine Anzeige auf: „Suche hübsches Mädchen aus dem Zug, hätte ein paar tausend Leseempfehlungen“. Nichts geschah. So zogen die Wochen ins Land, seine Hoffnung schmolz dahin wie Schnee in der langsam wärmer werdenden Sonne. Er konnte doch nicht alle Züge durchsuchen. Aber ja doch! Warum nicht! 

    Zuhause setzte er sich mit dem Fahrplan aufs Sofa und studierte diesen ausgiebig. Am Ende wiesen seine Notizen aus, dass er auf dieser Strecke, wenn er nichts anderes als Zug fahren würde, an einem Tag 14 Züge durchsuchen konnte.

   Bereits am nächsten Tag fragte er seinen Chef nach Urlaub und bekam diesen auch schon für den nächsten Freitag.

  

   Nur mit einer Hängetasche ging es dann los. Darin verwahrte er eine Tüte mit zwei Brezeln, eine Mineralwasserflasche, ein paar Hustenbonbons und natürlich ein Taschenbuch.  Es war „Vom Winde verweht“. Das hatte er sich erst vor ein paar Tagen gekauft.

   Im Berufsverkehr hatte er nahezu keine Wartezeiten. Kaum war er in Stuttgart angekommen, ging es auch schon wieder mit dem nächsten Zug zurück bis Nürtingen und umgekehrt. Dann wurden die Fahrten spärlicher und die Wartezeiten entsprechend länger. Zug für Zug wurde durchkämmt, ohne dass er jedoch das Mädchen fand. Es blieb weiterhin nur ein Objekt seiner Fantasie. Fast schien es ihm, als habe die Begegnung nie stattgefunden.  An und für sich war es ein verrücktes Unterfangen, aber er tröstete sich damit, dass er so manchen Urlaubstag schon weitaus weniger sinnvoll verbracht hatte. Die Pausen und Wartezeiten verbrachte er in der Bahnhofsbuchhandlung in Stuttgart, oder aber im Bahnhofsstehcafe   in Nürtingen. Dort trank er über den Tag verteilt etliche Tassen Kaffee. Die Folgen des häufigen Buchladenbesuches wanderten in seine Umhängetasche, die so von Fahrt zu Fahrt schwerer wurde. Mittlerweile waren mit „Oliver Twist“ und „Das Parfüm“ zwei weitere Taschenbücher hinzugekommen, sowie insgesamt drei Tageszeitungen. Aber kein Mädchen (das natürlich nicht in seine Tasche wandern sollte!).

   Es war später Nachmittag. Zur Abwechslung saß er nun im Stuttgarter Hauptbahnhof in einem der Cafes. Müde, enttäuscht und abgespannt. Die Bedienung fuhrwerkte gerade irgendwo hinter der Theke herum. Es war ihm egal, dass er nicht sofort bedient wurde. Ein fürs erste vorgerufene „Ich komme gleich“, war ihm vollkommen genug.

   Und gerade als die Bedienung vorkam, fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Die junge Frau trat an seinen Tisch, bereit eine Bestellung aufzunehmen. Da er nichts sagte, sah sie ihn genauer an. Und jetzt erst fiel ihr auf, dass der Mann schlief.

   „Na so was“, sagte sie. Und dann erkannte sie ihn wieder. Ihr Herz schlug schneller. Sie sah sich im Cafe um. Es waren nur wenige Gäste da und keiner nahm von dem schlafenden Gast Notiz. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es bis zu ihrer Ablösung nur noch wenige Minuten waren. Kurzentschlossen ging sie zur Theke zurück, bereitete zwei Tees vor und stellte sie auf den Tisch des schlafenden Gastes. Da kam auch schon Monika, ihre Kollegin.  Der flüsterte sie in aller Eile ein paar Worte zu.

   „Bist Du sicher?“ fragte sie.

   „Ja, das ist er“, antwortete sie.

   Wenig später saß sie ihm gegenüber. Ein paar mal räusperte sie sich. Er schlief weiter. Dann gab sie ihm mit dem Knie einen Stoß, erst einen leichten, dann etwas kräftiger und dann…. 

   „Wie…Was…“, schreckte er hoch, dabei beinahe vom Stuhl fallend.

   „Welche Bücher kannst Du mir nun denn empfehlen?“ fragte sie darauf los.

   Kai Braungardt schien es, er träume. Da war das bildschöne Mädchen, seine Fata Morgana.

   „Viele“, sagte er. Und als er begriff, dass sie aus Fleisch und Blut war und keine Halluzination, raffte er sich endlich zu einem „Hallo“ auf. „Hallo, schön Dich wieder zu sehen. Ich … Ich freue mich.“       

   „Ich freue mich auch. Aber was ist nun mit den Leseempfehlungen?“

fragte sie lachend. Diesmal lasse ich Dich nicht aus den Augen, dachte sie dabei wild entschlossen.

   Und so tranken sie miteinander Tee, wobei nach und nach ein immer lebhafteres Gespräch entstand. Über Bücher und Züge, und über verpasste und zweite Chancen.

 

  

 

 

 

 

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