Michael Kress
Michael Kress  

Wiedersehen

Beim 9. Türchen habe ich ihn bereits vorgestellt. Den Hausmeister Krötz. War es da ein Musiker, geht er hier einem Autor auf die Nerven.

 

Diese Geschichte ist auch nachzulesen in "Haus der 13 Mörder" des art&words Verlages und stammt aus 2014.

 

 

 

                           Der Autor und der Hausmeister

 

Peter Urban saß an seinem Schreibtisch und blickte hinunter auf die Straße. Der Verkehr pulsierte wie immer, überhaupt pulsierte hier das Leben. Darum hatte er der Landluft Lebewohl gesagt und war nach Nürnberg zurückgezogen. Nur inmitten des großstädtischen Treibens fand er das, was er für seine Geschichten benötigte. Anschauungsmaterial, komische Kauze.

Gerade schrieb er an einem Kriminalroman. Das Opfer lag bereits unter einer Hecke verscharrt und wartete auf seine Entdeckung. Urban kaute an seinem Bleistift und las den letzten Absatz noch einmal am Bildschirm durch.

Heute war es nichts mit der Konzentration, mit dem Abtauchen in eine fremde Welt. Nicht zum ersten Mal überlegte er, ob der Umzug wirklich richtig gewesen war. Definitiv hatte er das falsche Haus erwählt. Oder den falschen Hausmeister. Siegfried Krötz, ein Kittelträger, wie er ihn nicht hätte besser erfinden können.

Beim Einzug dachte Urban noch, er sei eben einem dieser Originale in die Hände gefallen.

„Sie sind wohl sehr belesen“, hatte Krötz gefragt, als er die vier Wäschekörbe mit Büchern sah.

„Ich schreibe selbst“, hatte ihm Urban nicht ganz frei von Stolz  geantwortet. Heute verfluchte er diesen Anflug von Eitelkeit. Hätte er nur gebrummt, quasi eine knappe, fränkische Antwort gegeben, dann würde die Welt vielleicht noch in Ordnung sein. Aber so waren Geister erweckt worden, die er jetzt nicht mehr bändigen konnte.

In der zweiten Woche lauerte ihm der Hausmeister auf. Zumindest schien es Urban so, den Krötz stand direkt vor seiner Wohnungstür, als er diese öffnete. Mit Schnupftabakverschmierter Nase, und hochrotem Kopf, wedelte dieser mit einem Taschenbuch vor seinen Augen herum. Urban erkannte sogleich, dass es einer seiner Romane war, und in der Annahme, Krötz wolle schüchtern, daher der rote Kopf, nach einem Autogramm fragen, zückte er einen Stift. Doppelte Fehlannahme!

„Sie können mir nicht weiß machen, dass Sarah die Mörderin ist“, begann der Hausmeister. Dann blickte er auf den Stift. „Den haben sie wohl auf dem Boden gefunden? Ich nehme ihn an mich, falls sich der Verlierer meldet.“

Urban überlegte kurz was ihm wichtiger war. Der Kugelschreiber oder seine Ehre als Autor. Dabei schielte er auf den Einband des Buches. Lilienduft, lautete der Titel.

„Wie kommen Sie denn auf so was?“, fragte er den Hausmeister. „Natürlich ist Sarah die Mörderin.“ Urban erinnerte sich daran, wie er die Figur angelegt hatte. Ein Mauerblümchen, hübsch, und sanft wie ein Lämmchen. Und doch eine Mörderin.

„Natürlich war sie die Mörderin. Außerdem kennt sie sich mit Kräutern aus.“, bekräftigte Urban.

„Lars Nebel wars“, schnarrte der Hausmeister. „Dies ist mir nach der Auswertung der Fakten klar geworden.“ Bei den letzten Worten nahm Krötz einen Packen Papiere aus seiner Kitteltasche und wedelte mit diesen vor Urbans Gesicht herum. Der konnte lediglich ein paar eingekreiste Namen, rote und grüne Pfeile erkennen.

„Und woher hat er Ahnung über Kräuter?“, fragte Urban.

„Von einem Buch.“ Die Augenbrauen des Hausmeisters hoben sich.

„Welchem Buch?“, fragte Urban.

„Dem Kräuterbuch, das er besitzt.“

Urban hatte in diesem Moment nach dem Handlauf des Treppengeländers gegriffen. Irgendwie war ihm schwindlig geworden.

„Aus dem Kräuterbuch, das in seinem Wohnzimmerschrank steht und das Sie vergessen haben zu erwähnen. Ich kann zwischen den Zeilen lesen“, setzte der Hausmeister noch einen drauf.

„Ich muss fort…wichtiger Termin…“, hatte Urban gestammelt und sich mit brausendem Kopf am Hausmeister vorbeigezwängt. Sanft fiel seine Wohnungstür ins Schloss und natürlich trug er keinen  Wohnungsschlüssel bei sich. Und natürlich hatte er später nicht Krötz nach dem Zweitschlüssel gefragt, sondern lieber einen Schlüsseldienst bezahlt.

Ähnliche Szenen spielten sich die nächsten Tage immer wieder ab. Urban begann, den Hausmeister zu meiden, den welcher Autor will schon immer wieder belehrt werden, was er denn alles so falsch geschrieben habe. Doch Krötz aus dem Weg zu gehen erwies sich nicht als so leicht. Zum Glück aber bedachte der auch die anderen Bewohner des Hauses mit seinen Nörgeleien. Urban nutzte dann die Gunst der Stunde und ging unbehelligt seines Weges. Dabei schnappte er Satzbrocken wie „Kehrwoche richtig machen“ oder „Ordnung muss sein“ und dergleichen auf.

Dafür traf ihn die nächste Aktion des Hausmeisters umso heftiger.   

Eines Morgens, als er den Briefkasten im Treppenhaus geöffnet hatte, hielt Urban mitten in der Bewegung inne und starrte auf die Tür des Briefkastens. Dort klebten neben Urban noch weitere Namen. Er kannte sie alle. Es waren seine Pseudonyme. Rosie Schiller, für seine heiteren Frauenromane, Joel Traffic für seine Sciencefiction Bücher und Chantal Lamonte für die Erotiksachen. Sogar Lisa Klein war vertreten, sein Name für die Kinderbücher. Nachdem der erste Schreck verflogen war, machte er sich daran, die Namen abzukratzen. Das ging gar nicht so leicht. Im Nu riss sein erster Nagel ein. Bald folgten weitere. Am Ende blutete er aus mehreren Wunden. Aber es musste sein. Urban hatte sehr sorgsam darauf geachtet, dass seine Autorenpseudonyme niemand kannte. Er schrieb da so unterschiedliche Dinge, dass es einem wahren Identitätswechsel nahekam, wenn er als Chantal Lamonte eine prickelnde Szene schrieb. Das wollte er auch so beibehalten. Wie war dieser verrückte Hausmeister auf seine Pseudonyme gestoßen? Da erschien auch schon Krötz und blickte auf die abgewetzten Namensschilder auf dem Boden.

„Ich dachte, ich tue Ihnen was Gutes?“, sagte der kopfschüttelnd. Und: “Die Sauerei räumen Sie aber noch weg.“

„Urban, ich heiße Urban“, hatte ihm der Autor nachgehaucht.

Krötz besaß im Keller eine kleine Werkstatt, und aus einem Urban nicht bekannten Grund standen dort die Türen immer offen. Wenn er nun vorsichtig aus der Wohnungstür spähte, ob denn die Luft krötzfrei sei, lauschte er zugleich nach Geräuschen aus dem Keller. Das feine Raspeln einer Feile, das Singen einer Säge, beruhigte ihn ungemein. Aber Gestern hatte er in den Keller gemusst, um ein Nachschlagewerk aus einer der Bücherkisten dort unten zu holen.

Der Hausmeister war in der Werkstatt zugange und Urban war auf Zehenspitzen vorbeigeschlichen. Doch Krötz musste ihn gehört haben. 

„Haben Sie das alles selbst erlebt, was Sie da in ihren Erotikbüchern schildern?“, erschreckte ihn die schnarrende Stimme des Hausmeisters, während Urban auf Knien in einem Karton stöberte.

„Nein“, gab Urban zur Antwort und wandte Krötz weiter den Rücken zu.

„Kann ich mir bei Ihnen auch nicht vorstellen“, brummte der Hausmeister.

Urban beugte sich noch weiter vor und starrte ein imaginäres Staubkorn an. Da kam ihm ein Gedanke, der ihn sogleich innerlich lächeln ließ. Er hob seinen Kopf und sagte mit betont gelassener Stimme.

„Nur die Morde in meinen Krimis, die habe ich alle selbst ausgeführt.“

In der Erwartung einen erschrockenen Hausmeister zu sehen, hatte sich Urban umgedreht. Aber da war niemand mehr.

Sechs Wochen wohnte er nun in diesem Haus, und jedes Mal wenn es an der Haustür klingelte oder gar klopfte, etwas, was Krötz gerne tat, fuhr Urban zusammen. Jeder Schatten im Treppenhaus ließ ihn in Schweiß ausbrechen. So konnte das nicht weitergehen. Seine Produktivität litt mehr als zulässig, und wo er früher nur einzelne Wörter streichen musste, landeten jetzt jede Menge zerknüllter Seiten im Papierkorb. Auch jetzt wieder quollen sie da oben heraus. Es half nichts, er musste heute noch zu den blauen Tonnen.

Ein Klingeln an der Tür ließ Urban erstarren. Nachdem ein zweites und ein drittes Mal geklingelt worden war, stand er auf und schlurfte zur Tür. Nicht zum ersten Mal bedauerte er, das diese keinen Türspäher hatte. Mit trockenem Mund legte er die Sicherheitskette an und öffnete die Tür einen winzigen Spalt. Gerade weit genug, um erkennen zu können, dass nicht der Hausmeister vor der Tür stand. Es war ein großer Mann, dessen Gesicht im Schatten eines breitkrempigen Hutes verborgen lag.

Urban löste die Kette und öffnete die Tür.

„Ja?“, fragte er.

„Ich wollte fragen, ob Sie mir vielleicht ein oder zwei Schreibmaschinen abkaufen würden?“, sagte der Fremde mit freundlicher, unverbindlicher Stimme.

Urban fiel das Kinn herunter. Aber sogleich hatte er sich wieder im Griff.

„Sie scherzen?“

Der Mann lächelte verschwörerisch.

„Marktforschung. Wir betreiben Marktforschung“, erklärte er.

Irgendetwas an dem Mann weckte Urbans Neugier, gleichwohl ihm nicht verborgen blieb, dass auch der Mann neugierig in seine Wohnung blickte.

„Da fehlt mir leider die Zeit, ich muss arbeiten“, sagte Urban freundlich und schloss die Tür.

Nachdenklich lief er zurück zu seinem Schreibtisch. Der Mann mit Hut, war das nicht eine sonderbare Figur, die geradezu danach schrie in einer seiner Bücher zu landen. Das wenige, das er gesehen hatte reichte vollkommen aus, seine Fantasie anzuregen. War es nicht herrlich, Herr über  seine Figuren zu sein? Bestimmen zu können, was sie zu erleiden hatten, was ihnen gelang, woran sie scheiterten. Krötz! Konnte er diesem Hausmeister, dieser Heimsuchung nicht den Schrecken nehmen, indem er ihn einfach als Figur vereinnahm? Er könnte dann Krötz übel mitspielen, ihn gar zu einem Mordopfer machen. 

Eine Zeitlang ergötzte sich Urban an den Mordgedanken, als es erneut an der Türe klingelte. Er wusste nicht, wie lange er nachgedacht hatte, stellte nur mit Überraschung fest, dass er immer noch im Flur stand. Bestimmt war es noch einmal dieser Marktforscher, dachte er. Solche Leute gaben nicht gleich auf. Vielleicht schadete es ja nicht, sich ihn noch etwas genauer anzusehen, noch mehr Feldforschung zu betreiben.

Urban öffnete schwungvoll die Tür. „Vielleicht nehme ich ein oder zwei Schreibmaschinen“, sagte er und erstarrte.

Krötz Perücke saß schief, eine breite, braune Spur an Schnupftabak zierte sein Gesicht und natürlich war er wieder rot angelaufen. Dieses Mal schien er besonders erregt zu sein.

„So nicht…so nicht“, presste der Hausmeister heraus. 

„Wo haben Sie Schreiben gelernt?“

Urban sagte nichts. Aber die ganze Art, wie sich der Hausmeister gab, ließ ihn erahnen, dass da wieder etwas Neues im Anmarsch war. Und bestimmt nichts Gutes. Die obligatorischen Papiere, die Krötz  zitternd in den Händen hielt, beunruhigten Urban nicht weiter. Doch als eines der Papiere auf den Boden fiel, begleitet von unverständlichem Geplapper des Hausmeisters, betrachtete er dieses dann doch flüchtig. Es schien ihm seltsam zerknittert. Als er dann erkannte, was er da sah, wollte es sein Verstand erst nicht wahrhaben. Wie übrigens fast alles, was ihm im Zusammenhang mit diesem Unmenschen widerfuhr. Urban schaute noch einmal genauer hin, betrachtete dann auch die Papiere in den Händen des Hausmeisters. Was er da sah, waren seine Unterlagen, waren seine Papierbällchen, die er weggeworfen hatte.

„Wie kommen Sie dazu…“ begann Urban, stockte aber dann.

„Ja, da staunen Sie was?“, sagte Krötz. „Ich scheue keine Mühe, um Ihr Schreiben zu verbessern. Und da sind mir Ihre Aufzeichnungen in der Papiertonne aufgefallen. Schon vor Tagen. Alle habe ich sie herausgeholt, sortiert und mal durchgeschaut.“

Peter Urban öffnete ein paar Mal nacheinander den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.

„Ich habe Ihrem Agenten schon geschrieben, dass er ihre letzten Texte vergessen kann…“.

„Sie haben was?“ Urban Stimme klang schrill. „Woher…?“, setze er eine weitere Frage an, hielt dann aber inne.

„Die Adresse steht doch auf den Umschlägen. Was meinen Sie, woher ich Ihre Pseudonyme kenne?“

Urbans Gesicht verlor den letzten Rest an Farbe. Als habe er einen Schlag in die Magengrube erhalten, taumelte er zurück in die Wohnung. Der Hausmeister brabbelte weiter. In Urbans Ohr rauschte ein Wasserfall. Im Wohnzimmer lag noch das dicke Nachschlagewerk. Er nahm es in die Hände, wandte sich um und trat dem Hausmeister entgegen, der ihm ein paar Schritte gefolgt war.  „Jetzt habe ich genug“, sagte Urban und hob das Buch hoch. „Jetzt bringe ich dich um“, presste er zwischen den Lippen hervor. Siegfried Krötz verstummte, als er die Gefahr sah, in der er sich befand.

 

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