Michael Kress
Michael Kress  

In der Not

Eine Geschichte, wie sie mir einmal zugetragen wurde. Sie zeigt, das es oft wenig ist, dass uns glücklich machen kann.

 

Geschrieben vor vielen Jahren, hier erstmals in der Öffentlichkeit.

 

 

 

 

 

                           Der Tannenbaum

 

 

 

Drei Tage vor Heiligabend erwarteten wir Onkel Herbert zu Besuch. Besonders wir Kinder freuten uns auf ihn, wusste er doch immer so herrliche Geschichten zu erzählen. Mama und Papa freuten sich sonst auch über Onkel Herberts Besuche, doch wollte dieses Mal keine rechte Freude bei ihnen aufkommen.

   Mama seufzte ohne Unterlass und Papa fluchte in einem fort, was sonst gar nicht seine Art war. Schuld war das Problem, an dem wir alle gemeinsam die letzten Tage gekaut hatten. Wir besaßen keinen Weihnachtsbaum, nicht einmal ein paar kümmerliche Zweige. Uns fehlte schlichtweg das Geld. Papa war lange schwer krank gewesen und hatte im September eine neue Stelle angetreten. Der Krieg lag erst acht Jahre zurück und das Wirtschaftswunder hatte uns noch nicht erreicht.

   Versuche, die wenigen Christbaumkugeln dekorativ in den Wohnzimmerschrank zu legen, unsere Holzengel unter der Lampe zu befestigen, hatten wir abgebrochen.

   Dann kam Onkel Herbert, rotbäckig wie eh und je, eine Freude ausstrahlend, die alle um ihn herum ansteckten. Sein abgetragener Anzug und die dünne Sommerjacke, die er trug, verrieten jedoch, dass es ihm auch nicht sonderlich gut ging.

   Wir saßen im Wohnzimmer und lachten über Onkel Herberts Scherze. Auch Mama und Papa lachten mit. Dann blickte Onkel Herbert zu der Lücke, wo bis vor wenigen Wochen Mamas Nähmaschine gestanden hatte. Sie hatte sie an Frau Meyer aus der Nachbarschaft verkauft.  

   »Aha«, sagte Onkel Herbert. »Da habt ihr Platz für den

Weihnachtsbaum geschaffen. Weihnachtsbaum habt ihr schon geschaffen.«

   Beklommenes Schweigen griff um sich. Wir Kinder, außer mir waren das Christine und Jutta, sahen besorgt zu unseren Eltern. Onkel Herbert sah fragend um sich.

   »Wir mussten dieses Jahr auf einen Baum verzichten«, erklärte endlich Papa.

   »Ach wo!« Onkel Herbert schüttelte energisch den Kopf. »Weihnachten ohne Weihnachtsbaum, das geht nicht.« Er rieb sich gedankenverloren das Kinn. »Lasst mal nur mich machen.«

   »Mach dir keine Unkosten«, bat Mama.

   »Nein, nein. Ich habe da eine Idee. Lasst nur mich machen.«

   Bis zum Vortag von Heiligabend tat sich nichts und wir Kinder zweifelten bereits an Onkel Herberts Idee. Der baute mit uns am Mittag einen Schneemann, und begleitete Mutter hinterher beim Einkauf. Am Abend stand er dann auf und teilte mit, dass er noch ein paar alte Freunde besuchen wolle.

   »Es kann spät werden, wartet nicht auf mich.« Mutter gab ihm einen Wohnungsschlüssel.

   Keiner von uns traute sich, nach dem Weihnachtsbaum zu fragen. Wir Kinder hofften noch insgeheim, aber woher sollte er einen Baum zaubern.

   Am nächsten Morgen, Heiligabend, traf uns alle der Schlag. Am Platz der Nähmaschine stand ein wunderschöner Tannenbaum. Seine Äste waren kräftig, in keinster Weise verbogen, und die dunkelgrünen Nadeln glänzten. Der Stamm stand in einem Eimer, um den herum Steine lagen um dem ganzen Halt zu geben.

   Onkel Herbert kam dazu und tat so, als ginge ihn das alles nichts an. Auf unser stimmgewaltiges Fragen sah er sich dann doch zu einer Aussage genötigt.

   »Nun glotzt den armen Baum nicht so an! Der lässt vor Scham bald alle Nadeln fallen. Lasst uns zusammen kräftig frühstücken, so dass wir auf ein Mittagessen verzichten können und wir Zeit haben, den Baum zu schmücken. Ihr Kinder könnt doch sicher ein paar Papierengel basteln.«

   Später waren alle mit Eifer dabei, den Baum zu dekorieren. Wie am Fließband bastelten wir Kinder Engel und Sterne aus Papier, die die Erwachsenen dann auf dem Tannenbaum verteilten. Dazu gesellten sich fünf Kerzen, die nicht einmal zur Hälfte abgebrannt waren, und die wenigen Glaskugeln, die Mutter in einer stabilen Schachtel sorgsam aufbewahrte. So verging der Mittag wie im Flug.

   Abends aßen wir dann Brathähnchen und Kartoffelsalat. Papa strahlte über beide Backen und klopfte immer wieder Onkel Herbert auf die Schulter.

   »Mensch!«, sagte er dann. »Du hast unser Weihnachten gerettet.«

   Im Kerzenschein gab es später die Bescherung. Mutter hatte für jeden von uns einen Pullover gestrickt, was für uns keine große Überraschung war, hatte sie doch in den letzten Wochen immer wieder Maß genommen. Wir freuten uns trotzdem über die warme Kleidung. Onkel Herbert bekam einen Schal. Der hatte für uns alle auch ein Geschenk dabei. Es war ein altes Foto, auf dem Opa und Oma zusammen mit Onkel Herbert und Papa vor ihrem Haus in Schlesien standen.

   Nun wurde gesungen. Immer wieder stimmten wir Oh Tannenbaum an, weil wir uns doch sehr über unseren Weihnachtsbaum freuten. Onkel Herbert und Papa erfanden dazu immer neue Strophen, die sie uns erst vorsangen, und in die wir dann einstimmten. Papa sang etwa:

 

         Man glaubt es kaum, man glaubt es kaum,

         wir haben einen Weihnachtsbaum.

         Von Onkel Herbert kommt er her,

         wie, das weiß nur er.

         Man glaubt es kaum, man glaubt es kaum,

         wir haben einen Weihnachtsbaum.

 

   Erschöpft, aber glücklich, lagen wir später in unseren Betten. Es war ein schöner Heiligabend gewesen.

   Unter Protest mussten wir dennoch am nächsten morgen früh aufstehen, denn wir wollten alle zur Kirche gehen. Der Weg dorthin führte uns an Meyers Haus vorbei. Mama war die erste, die das Schlamassel entdeckte.

   »Schaut nur«, sagte sie mit schwacher Stimme.

   In Meyers Vorgarten stand eine Tanne, dem man die obere Hälfte weggenommen hatte. Wir kannten diesen Teil nur zu gut, hatten wir ihn doch am Vorabend eifrig besungen. Es war kein schöner Anblick.

   »Onkel Herbert«, presste Vater hervor. »Was hast du angerichtet!«

   Bevor Onkel Herbert antworten konnte, traten die Meyers vors Haus. Sie wollten ebenfalls zur Kirche.

   »Denken Sie nur«, begrüßte Frau Meyer meine Mutter. »Sie haben unsere schöne Tanne ruiniert.«

   »Da hat jemand einen Weihnachtsbaum gebraucht«, beschwichtigte Herr Meyer.

   »Frohe Weihnachten«, sagte Onkel Herbert und strahlte dabei alle an.

   »Frohe Weihnachten«, wünschten alle nacheinander zueinander.

   Wieder zuhause saßen wir alle im Wohnzimmer.

   »Oh wie peinlich«, klagte Mutter.

   »Da hast du übertrieben«, schimpfte auch Vater. »Meyers Baum zu zersägen.«

   »Und Frau Meyer kommt doch jedes Jahr am ersten Weihnachtstag und bringt kleine Geschenke. Sie wird ihren Baum erkennen.« Mutter war der Verzweiflung nahe.

   Onkel Herbert blieb die Ruhe selbst. »Also so einen schönen Heiligabend habe ich lange nicht mehr erlebt. Was den Baum anbelangt, habt ihr Recht, mich zu tadeln. Aber er hat seinen Zweck erfüllt. Und er kann euch noch einen Dienst erweisen, indem wir ihn kleinsägen. Dann habt ihr Feuerholz für den Ofen. Ein paar Tage im Keller, und die Zweige sind getrocknet. Dort kann sie Frau Meyer nicht sehen.«

   Papa schüttelte seinen Kopf und lachte. Mama entspannte sich und lachte mit. So richtig böse konnten sie Onkel Herbert nicht sein. Gemeinsam machten wir uns an die Arbeit, entschmückten und zerlegten den Baum. Einen Zweig warf Papa in den Ofen und sang dazu:

        

         Da brennt er nun, da brennt er nun,

         er hat ja auch nichts mehr zu tun.

 

 

 

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