Michael Kress
Michael Kress  

Oben im Himmel

Wenn es den Himmel gibt, so werden wir Wegbegleiter dereinst wieder treffen. Vielleicht sogar unsere Vorfahren, unsere Nachfahren. So etwas ähnliches widerfährt ein paar Männern in der folgenden Geschichte.

 

Hier erstmals für die Öffentlichkeit. Sie ist noch nicht abschließend lektoriert und hat auch kein Korrektorat erhalten. Fehler bitte ich zu verzeihen.

 

 

 

                Neben dem Kaminfeuer

 

Sie saßen im Halbkreis vor dem offenen Kamin, Funken stoben, das Holz knackte und knisterte. Auf kleinen Tischchen leuchteten Kerzen, und vor jedem Teilnehmer stand ein Glas Punsch. Außer den Kerzen gab es keine weitere Beleuchtung, die reichten jedoch vollkommen aus, um Schattengebilde in ihren Gesichtern tanzen zu lassen. Sie waren zu viert, und auf den ersten Blick gab es nichts Ungewöhnliches an dieser Runde. Dennoch war sie genau dies. Ein Marcel Reich-Ranicki würde sie, vielleicht mit kleinen Einschränkungen, als Gottes Geschenk bezeichnen und damit ins Schwarze treffen. Der Ort, an dem diese Runde alle vierzehn Tage stattfand, war der Himmel. Jener Himmel, in den zu gelangen, so viele Menschen trachten.

Das Kaminzimmer lag im 2.Stock des himmlischen Gemeinschaftshauses. Draußen an der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift:  Zimmer 401, vierte Deutsche Literaturrunde. Die himmlische Verwaltung hatte sich in punkto Ausstattung größte Mühe gegeben. Ganze Heerscharen an Büchern bevölkerten die raumhohen Regale aus dunklem Holz. Dazu war dieser wuchtige Kamin installiert worden. Reichlich Brennholz lag, sauber aufgeschichtet, in greifbarer Nähe der Teilnehmer. Nur bei der Zusammenstellung gerade dieser Gruppe, hatten sie nicht gerade ein glückliches Händchen gehabt. Doch dazu später mehr. Nicht minder unglücklich war die Vorschrift, wonach eine Sitzung niemals länger als zwei Stunden dauern durfte. Schließlich sei man im Himmel, so die Verwaltung, und müsse ausreichend den Herrn lobpreisen. Für die Teilnehmer ein stetes Ärgernis.

An jenem Tage, von dem hier nun berichtet werden soll, saßen sie wieder beisammen. Ganz links außen, Johann Wolfgang von Goethe. Auf seiner hohen Stirn glänzten erste Schweißperlen. Neben ihm saß Friedrich Schiller. Eine rebellische Locke ragte ihm ins Gesicht. Dann, ein kleinwenig weggerückt, kam Karl May. Er spielte an seinem Schnurbart herum. Die Runde wurde komplettiert von einem schelmisch dreinblickenden, leicht untersetzten Mann. Heinz Ehrhardt. Durch dicke Brillengläser beobachtete er seine Kameraden. Auch wenn die Verwaltung im Nachhinein einräumte, dass er versehentlich in diese Gruppe geraten sei, fühlte er sich dort pudelwohl.

Zur Tradition war es geworden, dass jeder der Anwesenden eine kleine Geschichte, die neu sein musste, seinen Kollegen vortrug.

„Ich habe die Ehre, der Erste sein zu dürfen“, sagte Schiller.

„Was soll es denn heute sein?“, fragte Ehrhardt.

Goethe warf ihm einen tadelnden Blick zu.

„Ich will von einer Glocke erzählen“, hob Schiller von neuem an. „Einer Glocke, die einen Sprung hatte.“

„Der Herr kennt wohl nur Glocken? Immer diese Glockengeschichten“, brummelte Karl May.

„Oh ja! Von Schillers Glocken haben die lieben Kinder genug in der Schule vernommen.“ Das war wieder Heinz Ehrhardt gewesen. Er grinste in die Runde, bis er Schillers Blick begegnete.

„Na meinetwegen, lassen wir die Glocken läuten“, lenkte Ehrhardt ein.

Schiller räusperte sich. „Die Glocke, von der es heute zu berichten gilt, hing in der Kirche eines schwäbischen Dorfes. Ihr Klang war rein wie edler Wein, weich wie eine Mutterbrust. Doch dann schlug ein Blitz ein und die Glocke bekam einen Sprung. Fortan verbreitete sie nur noch Schrecken und Panik in dem Dorf. „Der Teufel hat von ihr Besitz ergriffen“, klagten Einige.  Dumpf, bedrohlich, furchterregend klang sie jetzt. Jedem, der sie hörte, fuhr sie in Mark und Bein. Bald schlug man nur noch die geraden Stunden an, bald ließ man auch dies sein. Nur noch sonntags, zur Heiligen Messe, wurde sie geschlagen. Zuvor freilich zogen die Dorfbewohner hinaus auf die Felder hinter dem Wald, und überließen dem tauben Dorftrottel das Glockengeläut. Zur Messe waren sie dann alle wieder rechtzeitig zurück.

Nun trug sich eines Sonntagsmorgens folgendes zu. Das Dorf lag verlassen und der Dorftrottel schlenderte durch die leeren Straßen zur Kirche. Nicht einmal Katzen streunten umher. Da brach eine Räuberbande aus dem Wald heraus und preschte in einer Staubwolke heran. Sie hatten wohl von dem seltsamen Treiben gehört und versprachen sich reichlich Beute in dem verlassenen Ort.“

„Die Räuber!“, platzte Erhardt dazwischen. „Die kenne ich auch. Haben Sie die ebenfalls geschrieben?“

Goethe und Schiller verdrehten gemeinsam ihre Augen.

„Man darf doch wohl noch einen Scherz machen“, verteidigte sich Erhardt, zuckte mit den Schultern und warf einen Holzscheit in das Feuer. 

„So lass er endlich den Herrn Schiller fortfahren“, brummte Goethe.

Schiller wischte sich eine Locke aus der Stirn.  „Der Dorftrottel erreichte in höchster Not die Kirche.  Die Räuber waren ihm so dicht auf den Fersen, dass er vermeinte ihren Schnapsatem zu riechen. Obwohl noch nicht die Zeit war, begann der Trottel mit dem Läuten der Glocke und hoffte so, die Bewohner des Dorfes zur Rückkehr bewegen zu können. Er läutete wie von Sinnen. Ein ums andere Mal sprang er in die Luft und zog an dem Seil. Jeden Moment erwartete er, von einem der Räuber dahingestreckt zu werden. Aus Angst schloss er fest die Augen. Hören konnte er ja nicht, und auch nichts zu sehen, darin schien sein Heil.

Als sich endlich eine schwere Hand auf seine Schulter legte, öffnete er ergeben seine Augen. Noch einmal wollte er in ein menschliches Antlitz blicken, und sei es in das seines Mörders. Doch statt einer der Räuber stand der Bürgermeister vor ihm. Der lächelte, nickte dabei unablässig und bedeutete ihm endlich mit den Händen, er möge ihm doch folgen. Die Männer und Frauen des Dorfes bildeten ein Spalier und so geriet der Gang hinaus zu einem wahren Spießrutenlaufen für den Dorftrottel. Freilich eines der angenehmen Art.  Männer schlugen ihm lobend auf die Schulter, nickten ihm zu. Die Frauen machten einen Knicks vor ihm, manche gaben ihm gar einen schmatzenden Kuss auf seine stoppeligen Wangen. Und die Kinder, die ihn sonst mit kleinen Steinchen bewarfen oder Kirschkerne nach ihm spuckten, sahen ihn jetzt mit großen Augen an.

Auf dem Kirchplatz bot sich dem armen Trottel ein Anblick, der ihn einerseits beruhigte, andrerseits noch weiter verwirrte. Dort lagen die Räuber seltsam verkrümmt da. Allesamt waren sie tot, diese finsteren Gesellen. Manche hielten sich noch in der Todesstarre die Ohren zu.

Die Glocke hatte die Räuber zur Strecke gebracht. So musste es gewesen sein.  Wild gestikulierend versuchten manche, dem Trottel zu erklären, was er doch schon längst wusste. Ihm das noch viel größere Wunder zu erklären, dass die Glocke wieder so rein und erhaben klang wie einst, das versuchten sie es erst gar nicht.

Von jenem Tage an durfte der Dorftrottel sonntags nach der Kirche im Wirtshaus am Tisch des Bürgermeisters Platz nehmen.  Er bekam stets als Erster einen Krug Bier und zu Essen. Das freilich größte Wunder jenes Tages, das kannte nur der Trottel. Er behielt es für sich. Ein Beweis dessen, dass er vielleicht gar nicht so blöd war, wie er allen erschien. Er konnte wieder hören.“

„Ein meisterliches Werk, werter Herr Schiller“, lobte Goethe. „Wahrlich meisterlich.“ Er hüstelte. „Und doch wage ich es, jetzt mein Epos vorzutragen.“

„Um Gottes Willen kein Epos!“, flehte Karl May, der gerade gleich zwei Holzscheite in die Flammen geworfen hatte.  „Wir wollen ja schließlich auch noch zum Zuge kommen.“

„In der Kürze liegt die Würze“, stimmte Ehrhardt zu.

„Oh Ihr Scharlatane!“, entrüstete sich Goethe. „Ihr wollt Vertreter der deutschen Literatur sein? Ich werde vortragen, was zum Vortragen mir gegeben ist. Mein Werk trägt den Titel: Faust, der Tra….“. Im lauten, vereinten Wehklagen der Herren May und Erhardt ging das weitere unter.

Ungeachtet dessen begann Goethe mit fester Stimme:

 

„Der Hunger trieb mich unstet umher,

doch alle Speicher waren leer.

Was nützt mir all das Wissen in meinem Haupt,

das eh schon reichlich angestaubt.

Heut bin ich dümmer als je zuvor,

ich armer alter Thor.“

 

Goethe verstummte, nahm einen großen Schluck aus seinem Punschglas, und warf nun seinerseits ein Holz in die Flammen, die lustig ihren Tanz vollführten.  Die anderen sahen ihn abwartend an.

„Das wars. Ich bin fertig“, erklärte er ihnen endlich.

„Ei verbübsch“, freute sich Karl May. „Dann ist die Reihe ja an mir.“

„Er wird sehen, wieder irgend so eine Indianergeschichte“, flüsterte Schiller Goethe zu. Karl May hatte es dennoch gehört. Sein Schnurbart zuckte.

„Nein, wenn schon im Vorfeld gemeckert wird, lese ich nicht.“

„So bin ja ich an der Reihe“, freute sich Heinz Erhardt.

Schiller stöhnte leise auf, nahm ein Holzscheit vom Stapel und legte ihn ins Feuer. Sofort umhüllten Flammen das neue Stück. Heinz Erhardt blickte in die Runde.

 

„Zuviel Holz im Feuer, das tut nicht gut

denn darüber gerät es in Wut

es knackt, es zischt, die Funken stoben,

der Qualm rebelliert und zieht nicht nach oben

Unsere Gesichter, die kommen ihm da recht,

auf die setzt er sich ab, immer dichter,

und bald haben wir alle Mohrengesichter.“

 

Karl May klopfte sich auf seine Schenkel und lachte.  Der Ruß hatte sich tatsächlich auf ihren Gesichtern abgesetzt.

„Sie hätten uns jemanden von der Hölle kommen lassen können. Mit Feuer kennen die sich doch bestens aus“, schimpfte Goethe hustend und mit tränenden Augen.

Die Tür ging auf. Im Hintergrund hörte man Engelschöre jubilieren. Ein groß gewachsener Mann trat herein.  Auf dem Kopf trug er eine Baskenmütze. Er rauchte eine Zigarette.

„Ein Rheinländer!“, entfuhr es Heinz Erhardt.

Goethe musterte den Besucher. „Schreibt er auch?“

„Wer schreibt?“, fragte der Mann.

„Er meint Euch“, erklärte Erhardt. „Man bringt es ja nicht fertig, dass hier oben eine Sprache gesprochen wird. Die Herren Goethe und Schiller reden so, wie sie wohl zu ihren Lebzeiten geredet haben.“

Der Mann mit der Mütze sah sie nacheinander an.

„Schreibt er nun?“, wiederholte Goethe ungeduldig seine Frage.

„Und ob er schreibt“, antwortete Erhardt. „Das ist doch der Böll, der Heinrich. Der hat übrigens den Nobelpreis gewonnen, Herr Goethe, den ihr ja nicht vorzuweisen habt.“

Heinrich Böll räusperte sich. „Eure Gesichter sind voller Sanftmut. Und die Kerzen geben diesem Raum eine besondere Atmosphäre. Es hieß, hier könne ich eine Geschichte zum Besten geben. Das will ich gerne tun. Sie heißt: Die gewonnene Ehre der Katharina Blum. Im Untertitel: Ansichtskarten eines Clowns.“

Goethe und Schiller seufzten auf und schüttelten ihre Köpfe.

„Oh du Deutsche Literatur, was ist nur aus dir geworden?“, klagten sie im Chor.

 

 

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© Michael Kress