Michael Kress
Michael Kress  

Lebendige Bilder

Geht es Ihnen auch so, das Sie beim Betrachten eines Gemäldes darüber sinnieren, wie die Figuren auf dem Bild wohl gelebt haben.

 

In der folgenden Geschichte habe ich Mäuschen gespielt, als Carl Spitzweg eines seiner bekanntesten Bilder gemalt hat. Nachzulesen auch in "Blicke in den Spiegel - Geschichten wie gemalt.

 

 

 

                Die wahre Geschichte des armen Poeten

 

 

 

Carl Spitzweg saß auf einem Schemel dem Schulmeister Jakob gegenüber.

»Wohl an, werter Herr Lehrer, da habt Ihr Euch, wie mir scheint, eine harte Arbeit aufgetragen. Ihr seufzt unablässig.«

»Ja, ja! Es ist doch zu schrecklich, was den Schülern zu Napoleon einfällt.« Der Schulmeister richtete sich im Bett auf. »Stellt Euch vor, einer behauptet hier doch geradeheraus, Napoleon wäre mit Kleopatra verheiratet gewesen. Ein anderer armer Tropf schreibt, er sei Engländer gewesen. Sie hören einfach nicht zu und träumen vor sich hin. Manche schlafen gar ein! Aber sagt, Herr Spitzweg, habt Ihr denn schon einen Titel für das Bild?«

Der Maler tauchte gerade den Pinsel in die braune Farbe. »Nun, ich will es Der Schulmeister nennen.«

»Papperlapapp, Spitzweg! Das auf keinen Fall! Es ist hier oben nicht die richtige Umgebung, die eines Schulmeisters würdig ist. Ihr dürft mein Gesicht gerne auf Papier bannen, aber Ihr könnt, nein Ihr dürft nicht meine Zunft beschmutzen. Wo kämen wir hin, wenn dergestalt Schulmeister portraitiert würden? Nein, nein, Ihr müsst Euch einen anderen Titel einfallen lassen! Bedenkt, ich liege nur hier, weil es Euer ausdrücklicher Wunsch war. Der Lichteinfall sei so gut. Ja und ich weiß, dass ich nicht zum stundenlangen Stillsitzen tauge. Ich half Euch beim Freiräumen dieses Ungetüms von Ofen, von dessen Existenz ich gar nichts wusste. Und auch der Regenschirm, über meinem Haupte schwebend, wie eine schwarze Wolke, war Euer Einfall.«

»Ja, es ist fürwahr eine ärmliche Szenerie. So wie Ihr da in Decken gehüllt seid, könnte man meinen, es würde Euch erbärmlich frieren. Zumal ich, in künstlerischer Freiheit, die Dächer des Hauses gegenüber mit Schnee bedacht habe. Jetzt im Frühjahr!«

»Dann nennt Euer Werk doch: Der arme Poet,« schlug Jakob vor. »Ich kenne eine Reihe von Dichtern, denen würde diese muffige Kammer wie das reinste Paradies vorkommen.«

»Eine vortreffliche Idee«, bedankte sich Spitzweg und kratzte sein Kinn. »Fürwahr, eine gute Idee.« Mit neuem Eifer ging er wieder ans Werk.

Eine Weile schwiegen beide und gingen still ihrer jeweiligen Arbeit nach.

»Sagt, wie lange müsst Ihr denn hier oben ausharren?«, fragte der Maler.

»Mein Wirt hat mir hoch und heilig versprochen, dass der Spuk spätestens Morgen vorbei sei. Ach, endlich meine Bücher wieder in greifbarer Nähe, keine Spinnweben mehr! Wobei ich nicht der Bücher bedürfte, um zu sehen, dass meine Schüler Napoleon nicht kennen. Gerade las ich, er sei in Moskau gefallen. Waterloo ist demnach reine Fantasie«, sinnierte der Schulmeister.

»Euch zum Trost, Herr Jakob, liegen in meinem Bild direkt vor Euch ein paar dicke Bücher auf dem Fußboden.«

»Wohl auch unterm Bett?« Jakob lächelte. »Da hättet Ihr die Wahrheit haargenau getroffen!«

Spitzweg räusperte sich. »Ich vergaß Euch mitzuteilen, dass Ihr nur auf einer Matratze liegt. Euer Bett fiel der künstlerischen Zensur zum Opfer.«

»Gott sei es gedankt! Da halte ich endlich eine gute Arbeit eines Schutzempfohlenen in den Händen. Der schreibt, dass Napoleon bei Waterloo unter Magenschmerzen litt und demzufolge nicht so recht bei der Sache gewesen sei. Und sogar sein Todesjahr nennt er mit 1821 richtig. Braver Junge! Aber sagt, Herr Spitzweg, was entspricht den bei Eurem Bild noch der Realität?«

»Nun, Ihr, werter Herr Jakob. Das Zimmer an sich, mitsamt dem Ofen. Es sind nur ein paar Kleinigkeiten, die ich verfälsche. Die Schuld, wenn man hier von einer sprechen wollte, liegt einzig bei Euch. Der Titel, den Ihr vorgeschlagen habt, regt meine Fantasie aufs Stärkste an. Einem armen Poeten gebühren ganz andere Utensilien als einem Schulmeister. Vom Schnee habe ich Euch schon erzählt. Den Ofen lassen wir schlichtweg aus. Ihr tragt übrigens eine Schlafmütze, und über Euren Füßen liegt eine alte Wolldecke. Und verzeiht, Ihr zerdrückt mit der rechten Hand gerade einen Floh. Ärmlich habt`s Ihr!«

Der Schulmeister sah auf seine Finger, als suche er dort den Floh, von dem der Maler gerade gesprochen hatte. »Wenn mich nur nicht einer meiner Schüler erkennt. Aber die Menschen sehen nur das, was man ihnen sagt. Keiner wird bei einem armen Poeten an den Schulmeister Jakob denken. Nein, da bin ich sorglos.«

 

 

 

 

 

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