In der Kirche

 

Martin Brehm saß in der Kirche auf einer der Holzbänke. Mit beiden Händen hielt er einen Besenstiel umschlossen. Seine Füße baumelten herunter. Im Nacken spürte er warm die Sonnenstrahlen, die durch die bunten Scheiben hereinschienen.

„Bist du müde?“, fragte seine Mutter. Sie lief ein paar Reihen vor ihm durch die Bänke und wischte den Boden.

„Nur ein bisschen. Ich mache gleich mit dem letzten Block weiter.“

„Prima!“, lobte ihn die Mutter. Sie trug einen abgetragenen Schurz mit Blümchenmuster. Ihre Unterarme glänzten nass, auf der Stirn standen ihr ein paar Schweißtropfen.

Martin sah zu dem übermächtigen Kupferkreuz hinauf, das hinter dem steinernen Altar an der weißen Wand hing. Jesus hatte den Kopf zur Seite geneigt und seine Dornenkrone war ihm in die Stirn gerutscht. Auch Jesus ist müde, dachte Martin.

 Jetzt, in den Sommerferien, begleitete er fast jeden Tag seine Mutter zum Reinemachen in die Kirche. Die Kirche war sehr groß und bot in vier Sitzblockreihen Platz für etwa fünfhundert Gläubige. Links oben, auf einer Empore, stand die Orgel. Ihre Pfeifen glänzten, ihr Holz war in verschiedenen Blautönen eingefärbt. Manchmal, wenn sie putzten, übte der Organist und die Musik brauste dann förmlich durch die leere Kirche. Dann gefiel Martin das Orgelspiel viel besser, als Sonntags während der Messe. Die Decke bestand aus hellen, übereinander greifenden Holztafeln. Martin musste seinen Kopf ganz in den Nacken legen, um sie überhaupt sehen zu können. Blickte er längere Zeit hinauf, verschwammen die Konturen des Holzes mehr und mehr, die Decke schien höher und höher.

Für einen alleine fand Martin die Kirche viel zu groß zum Putzen. Ständig war irgendetwas zu tun. Ihn machte es ein bisschen Stolz, dass er seiner Mutter helfen konnte. Und so war er auch nicht neidisch auf seine Klassenkameraden, die jetzt in Italien oder Spanien Urlaub machten. Zuhause saß sein Vater in seiner Sofaecke. Er hatte nur noch ein Bein, konnte nicht alleine gehen und saß so den lieben langen Tag einfach nur da, las oder sah fern. Und weil seine Rente nicht ausreichte, musste Mutter arbeiten.

„Martin, kommst Du?“, rief seine Mutter. Er erschrak, als er sie beim letzten Reihenblock stehen sah, wo sie jetzt wischen wollte, er aber zuvor noch fegen musste.

„Ja, ich komme.“

„Gut. Ich mache schon einmal bei den Opferkerzen sauber.“

Martin fegte nun besonders eifrig. Vor diesem Block stand ebenfalls ein Steinaltar. Links davon stand eine Statue der Mutter Gottes und noch weiter links dann der große gusseiserne Kerzenständer. Dort kratzte seine Mutter nun mit einem alten Vespermesser Wachsreste vom Gestänge. Martin hörte, wie das Messer über das Eisen schabte und Wachsbrocken auf den Boden fielen. Nur wenige Kerzen brannten.

Martin hörte dumpf die große Eingangstür zuschlagen. Eine ältere, elegant gekleidete Dame, betrat die Kirche. Sie ging ein paar Schritte und kniete sich dann auf eine Bank. Die Frau trug eine Kette, deren Perlen glitzerten. Sie neigte den Kopf nach vorne und faltete die Hände zum Gebet. Verlegen wandte sich Martin ab und widmete seine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Fegen.

Nachdem er alle Reihen durch war ging er nach vorne zu seiner Mutter. Sie sammelte gerade die losgelösten Wachsreste vom Boden auf.

„Ich bin fertig“, sagte Martin.

„Schön. Dann fege hier noch einmal zwischen den Kerzen. Pass aber auf, dass du dich nicht verbrennst. Wenn ich die Reihen durchgewischt habe, können wir nach Hause gehen.“

Die alte Frau stand auf und ging wieder aus der Kirche hinaus. Mit dir hat sie nun gesprochen, dachte Martin und sah dabei zum Kreuz hinüber. Gerade als er mit dem Fegen begann, hörte er das Türschloss zur Sakristei. Dort wurde ein Schlüssel herumgedreht und das Geräusch hallte in der ganzen Kirche wieder. Die Tür ging auf und heraus kam der Pfarrer. Er trug einen dunklen Anzug. In seiner linken Hand hielt er ein kleines Buch mit gelbem Einband. Damit ging er hinüber zum Hauptaltar und legte es dort ab. Erst dann entdeckte er Martin. Langsam kam er herüber.

„Na“, sagte er zu Martin. „Hilfst Du deiner Mutter?“ Er strich ihm flüchtig übers Haar. Martin nickte ehrfurchtsvoll.

„Guten Tag, Herr Pfarrer“, begrüßte seine Mutter den Geistlichen. Sie hielt den Eimer mit dem Putzwasser in der einen, den Schrubber in der anderen Hand.

„Guten Tag, Frau Brehm.“ Er sah sich um. „Letzten Sonntag gab es Beschwerden, dass es am Boden Flecken gegeben habe. Achten Sie ein wenig darauf.“ Die Stimme des Pfarrers klang eigentlich nicht ärgerlich, trotzdem hielt Martin die Luft an vor Spannung.

„Die Putzmilch taugt nicht viel. Ich habe es bereits im Büro gesagt. Da müssen wieder ein paar schlechte Eimer dabei gewesen sein“, sagte seine Mutter. Sie sah dabei dem Pfarrer direkt in die Augen. Martin bewunderte den Mut seiner Mutter.

„Na ja“, sagte nun der Pfarrer leichthin. „Auf jeden Fall gab es Beschwerden, und das muss ja nicht sein.“ Genauso gut hätte er auch sagen können, dass doch seine Mutter schuld sei. So hatte es zumindest für Martin geklungen.

Der Pfarrer verabschiedete sich und ging wieder zur Sakristei hinaus.

Nachdem sie wieder alleine waren, kramte seine Mutter in ihrer Schurztasche.

„Hier, gib das in die Opferkasse“, sagte sie zu Martin und gab ihm ein Zweimarkstück. „Dann darfst Du Dir zwei Kerzen nehmen und sie anstecken. Sei aber vorsichtig.“

Martin tat, wie ihm geheißen. Die Münze schebberte in die fast leere Opferkasse.

„Schimpft der Pfarrer oft, Mama?“, fragte er, als er mit den Kerzen hantierte und seine Mutter aufpasste, das ihm nichts passierte.

„Manchen Leuten geht es zu gut. Die haben keine anderen Sorgen als den Dreck in der Kirche.“

Später gingen sie am Kreuz vorbei und Martin sah wieder hinauf zu Jesus.

„Hat Jesus auch seiner Mutter beim Putzen geholfen?“

„Vielleicht“, sagte seine Mutter. Sie lächelte.

Martin schluckte zweimal, bevor er die Frage stellte: „Und hat dann auch ein Pfarrer mit ihr geschumpfen?“ Er fragte dies sehr leise.

„Lass nur“, meinte seine Mutter. „Lass nur.“

 

Copyright 1993 by Michael Kress