Wenn Ich Zurückblicke

 

Der alte Mann spazierte durch den Park. Das Laub der Bäume tanzte zwischen seinen Füßen umher. Er hatte kein bestimmtes Ziel und ließ sich von der Laune des Zufalls leiten.

Als er ein helles Mädchenlachen hörte, blieb er kurz stehen und sah sich um. Etwa fünfzig Meter entfernt jagte ein Junge spielerisch ein Mädchen über die Wiese. Obwohl er nur zwei Punkte sah, seine Augen tränten vor Anstrengung, puzzelte sein Hirn die Szene zusammen. Ein neckisches Liebesspiel. Er lief in Richtung der beiden.

Zuerst nahmen Sie ihn gar nicht wahr, obwohl er direkt neben ihnen stehen blieb. Es war das Mädchen, das ihn in dem Moment bemerkte, als sie ihren Freund küsste.

„Schau mal“, sagte sie zu diesem. Der Junge wollte gerade einen flotten Spruch loslassen, doch kam ihm der alte Mann zuvor.

„So ist es recht, Junge. Halte sie in Deinen Armen. Ein erster Kuss, erliege Ihrem Charme, aber dann musst Du eine Auswahl treffen.“

„Was?“ fragte der Junge.

„Der spinnt doch“, sagte seine Freundin und zog ihn weg. Und so, als ob nichts gewesen wäre, nahmen sie ihr neckisches Spiel wieder auf.

Der alte Mann machte sich auch nichts daraus und spazierte weiter. Eines Tages vielleicht, wird sich der Junge meiner Worte erinnern, dachte er versonnen.

Am Horizont nahte bereits der Abend. Er kam zu dem großen Spielplatz am Eingang des Parks. Eine Mutter redete gerade mit Engelszungen auf ihre beiden Kinder ein, die offensichtlich nicht nach Hause gehen wollten. Der alte Mann sah, wie die Mutter nach und nach ihre Geduld verlor, was zu einem regelrechten Handgemenge führte. Es war klar, dass die Mutter diesen ungleichen Kampf gewinnen würde. Er schüttelte seinen Kopf.

„Was wollen Sie denn?“ fragte schimpfend die Mutter, die sein Kopfschütteln als Kritik verstand.

„Erst halten Sie ein schreiendes Baby in den Händen und schon heißt es Abschied nehmen. Es ist nur ein kurzer Weg, bis die Kinder einen verlassen. Denken Sie daran.“

Die Frau sah ihn mit offenem Mund an.

Eines ihrer Kinder half ihr, wieder die Fassung zu finden. „Wer ist denn der Opa?“ fragte es.

„Oh, das ... das...“, ein Philosoph, wollte sie sagen, ließ es dann aber sein, weil sie keine Lust hatte, ihren Kindern zu erklären, was ein Philosoph sei.

Der alte Mann war längst weitergegangen. Bis zu seiner Wohnung waren es nur wenige Meter, und er freute sich auf den Tee, den seine Frau bestimmt schon gekocht hatte.

„Hast Du wieder Deine Weisheiten unter die Leute gebracht?“ fragte seine Frau während dem sie ihm aus dem Mantel half.

„Wenn ich auf zurückblicke, dann ist da viel Freude. Oh ja, sicher, es gab auch Erlebnisse, die mich zu Tränen rührten. Besonders in der Liebe.“ Er strahlte sein Frau an. Ihr gefiel sein Lächeln, das in all den vielen Jahren nicht gealtert war.

„Das Leben ist etwas Schönes“, fuhr der Mann fort. Aber man muss seine Chancen sehen und auch nützen. Und ist es nicht viel besser, ein Leben lang einen Traum zu verfolgen, als dass das Leben an einem vorbeizieht?“

„Du hast ja recht“, pflichtete ihm seine Frau bei. „Aber wenn wir uns nicht bald hinsetzen, dann haben wir unsere Chance auf einen heißen Tee verspielt.“

„Das stimmt auch“, sagte er. Und so gingen die beiden, Hand in Hand, in das Wohnzimmer.

 

Copyright 2002 by Michael Kress