Bamberg

Am Wasser gebaut

In einem Café` ist es doch wärmer als draußen. Selbst in einem Eiscafé.

Im Hintergrund läuft ein italienischer Fernsehsender, nur ein Tisch ist besetzt, und ich sitze einem großen Spiegel gegenüber.

 

Ich könnte Grimmassen schneiden, meine Frisur richten. Generell mein Outfit überprüfen, mich schön machen für ein Rendezvous. Für welches Rendezvous? Nun, haben wir nicht alle jeden Tag ein Rendezvous? Klar doch! Mit dem Leben.

 

Bamberg wirkt in der Früh, an einem Adventssonntag, noch recht verschlafen.  Die Touristen bevölkern die Straßen und Gassen nur langsam, die Glühweinbuden öffnen gerade erst ihren Verschlag und stehen noch verwaist herum.

 

Im Kleinen das große Ganze

Die Schaufenster haben schon geöffnet. Es ist dies sowieso die billigste Variante eines Schaufensterbummels. An einem normalen, nicht verkaufsoffenen  Adventssonntag. Besonders interessant und immer überraschend, sind die Auslagen in den Antiquitätenläden. Bamberg hat davon eine ganze Menge zu bieten. Alte Städte ziehen wohl alte Waren an.

Viel Platz

 

Mir gefallen alte, aufwendig eingerahmte Portraits.  Dieser Mensch, der da in seinem besten Sonntagsanzug gemalt wurde, hat einmal gelebt. Wo? Wie? Oder die junge Frau mit der Brosche. Dann stehen da Vasen, Lehnsessel, Polsterstühle und Tische in allen Variationen. Wenn ich den Platz (und das nötige Kleingeld) hätte, das ein oder andere würde mir gefallen. Bestimmt aber nicht diese wuchtigen Kronleuchter, verziert  mit einem überdimensionierten Fischkopf, oder ähnlich gestaltet, mit einem Pferdekopf der eher Moby Dick gleicht. Wer, so frage ich mich dann, hängt so ein Ungetüm in sein Wohnzimmer?

 

Später bevölkert sich die Stadt. Die Buden haben alle geöffnet, und die Auswahl an Glühwein und Punschgetränken ähnelt der Abflugstafel im Frankfurter Flughafen.  Mit Vanille-Aroma? Lieber doch einen Honigpunsch? Mit Lebkuchen- oder Feigengeschmack?

„Bitte einen ganz normalen Glühwein.“

 

Ich liebe es mit der Bahn zu fahren. Das liegt wahrscheinlich auch an den Bahnhofsbuchläden, wobei ich nicht zwingend mit der Bahn verreisen muss, um in einen Bahnhofsbuchladen zu gehen. Den Bamberger Bahnhofsbuchladen habe ich in mein Herz geschlossen. Ich wollte mir einen Roman von Stephen King kaufen. Der Autor wurde mir schon des Öfteren empfohlen, zuletzt von einer lieben Bekannten. So betrat ich also die Bahnhofsbuchhandlung in der festen Absicht, einen Stephen King zu kaufen.  Ich fand auch gleich zwei. Allerdings waren es gebundene Bücher. Die waren mir zu schwer und auch zu teuer. Also fragte ich die Verkäuferin. Die suchte eifrig mit, fand aber leider auch kein Taschenbuch. Dann ging sie in die Knie und öffnete eine Schublade unterhalb der Regale. Auch nichts.

„Sie können gerne in den Schubladen nachsehen. Ich erlaube es Ihnen“, sagte sie freundlich.

Ich tat es. Erst ein wenig zaghaft, dann aber mit immer größerem Eifer. Ich fühlte mich großartig. Wie Blicke hinter die Kulissen werfen. Ich genoss die fragenden Blicke der anderen Kunden, die nach und nach kamen. Ich darf das! Die Verkäuferin hat es mir gestattet. Klar fand ich Stephen King Taschenbücher. Und klar in der letzten Schublade.

Der Tag in Bamberg war rundum gelungen.

 

Und wer weiß, vielleicht fahre ich mal wieder hin.